Johannes Hösle erzählt in seinem Buch von seiner katholischen Kindheit in einer oberschwäbischen Schustersfamilie. Trotz des autobiografischen Hintergrundes ist "Vor aller Zeit" nicht als Lebenserinnerung zu lesen, sondern vielmehr als die Beschreibung einer längst entschwundenen Zeit und Welt. Die Dörfer, in deren Umgebung Hösle aufwuchs, tragen Namen wie Gutenzell, Edelbeuren oder Erolzheim; von dort aus sind seltene Fußreisen in den nächsten Marktflecken die einzige Gelegenheit, die weite Welt kennenzulernen. Die Bewohner leben im katholischen Kosmos wie der Grieche in seinem Mythos - in tiefer Gottgläubigkeit, die nie hinterfragt wird.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2000
Kurz, aber mit Sympathie beschreibt Eckhard Heftrich diese Kindheitsgeschichte und ihren Autor als emeritierten Romanistikprofessor, der sein "von der Wissenschaft nie ganz gestilltes kreatives Bedürfnis glücklicherweise nicht an einen Schlüsselroman über die deutsche Universität" vergeudet, sondern einen Bildungsroman einer Kindheit geschrieben habe. Heftrich skizziert ein paar atmosphärische Details der "verschwundenen katholischen Dorfwelt" Oberschwabens, in die ein "waches Bürschlein" mit seinen Fragen ein "aufklärerisches Moment" bringt. Trotz seiner leichten Lesbarkeit ein "konziler" Band, findet der Rezensent - seinerseits wenig lesbar. Und ist neugierig auf die angekündigte Fortsetzung.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 25.03.2000
"Weil er natürlich weiß, dass Kindheitserinnerungen Selbsterfindungen sind", habe Hösle diese Erinnerungen als "Roman" herausgegeben. Und diesem "Roman" weiß Andreas Nentwich nur Gutes abzugewinnen. Begeistert beschreibt er Hösles Kinderwelt im "magischen Kreis der Jahresfeste" der katholischen Dörfer, in denen Sünden an jeder Ecke drohen und verlocken. Da ist viel von Sinnen und Sinneslust die Rede und selbst der Körper der parfümierten Tante Marta erinnert ganz erheblich an "gelobtes Land". Nentwich weiß es sehr zu schätzen, dass in diesem Buch einmal nicht nur die mittlerweile allseits bekannten Klischees vom "muffigen" Dorf-Katholizismus abgehakt werden, sondern dass Hösle die Möglichkeiten eines Zeitzeugen für sich nutzt und auch von "Lebensklugkeit, Integrität und Eigensinn" in anregender und keineswegs unkritischer Art und Weise zu berichten weiß.
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…