Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Während in England der Brexit vorbereitet wird, legt Bestsellerautor John Lanchester seinen von der Gegenwart inspirierten neuen Roman vor: Joseph Kavanagh tritt seinen Dienst auf der Mauer an, die England seit dem großen Wandel umgibt. Er gehört nun zu jener Gruppe von jungen Menschen, die die Mauer unter Einsatz ihres Lebens gegen Eindringlinge verteidigt. Der Preis für ein mögliches Versagen ist hoch. Schaffen es Eindringlinge ins Land, werden die verantwortlichen Verteidiger dem Meer - und somit dem sicheren Tod - übergeben. Das Leben auf der Mauer verlangt Kavanagh einiges ab, doch seine Einheit wird zu seiner Familie, und mit Hifa, einer jungen Frau, fühlt er sich besonders eng verbunden. Gemeinsam absolvieren sie Kampfübungen, die sie auf den Ernstfall vorbereiten sollen. Denn ihre Gegner können jeden Moment angreifen. Und die sind gefährlich, weil sie für ein Leben hinter der Mauer alles aufs Spiel setzen. John Lanchester geht in seinem neuen Roman alle Herausforderungen unserer Zeit an - Flüchtlingsströme, wachsende politische Differenzen und die immer größer werdende Angst in der Bevölkerung - und verwebt diese zu einer Geschichte über Liebe und Vertrauen sowie über den Kampf ums Überleben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2019
Rezensent Hubert Spiegel sieht mit John Lanchasters Roman über ein vom Meer und von Flüchtlingen bedrohtes England hinter Mauern in eine finstere Zukunft. Das Perfide daran: Für jeden Eindringling, dem es gelingt, die Mauer zu überwinden, muss einer ihrer Wächter das Land verlassen. Der Brexit ist ein Witz dagegen, meint Spiegel. Wie der Autor seinen dienstschiebenden Ich-Erzähler den Kasernenalltag und das Leben innerhalb und außerhalb der Mauer beobachten und kommentieren lässt, findet Spiegel unterhaltsam zu lesen, zumal Lanchester Spannung, erzählerische Kniffe und sogar eine Liebesgeschichte einbaut.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 31.01.2019
Rezensent Thomas Steinfeld lässt sich nicht beirren von Verlagen und Kritikern, die in John Lanchesters Roman tagespolitische Aktualität erkennen wollen. Dafür ist ihm der Autor zu unpräzise und unplausibel bei seiner Beschreibung einer dystopischen Realität, die den Anstieg des Meeresspiegels, Großbritanniens Abschied aus der EU und das Problem illegaler Migration vereint. Leider kann Steinfeld das Buch auch unter rein literarischen Gesichtspunkten nicht überzeugen. Allzu flach erscheinen ihm die Figuren. Verstanden als Abenteuerroman indes kann der Rezensent dem Text etwas abgewinnen. Das wäre für ihn eine Art "journalistisches Spekulantentum" mit Aussicht auf Publikumserfolg.
Für den Rezensenten Burkhard Müller legt John Lanchester ein außerordentliches Buch vor. Weder totalitäre noch anarchische Dystopie, scheint ihm der Roman gerade an der Zeitachse entlang in unsere Zukunft zu schauen: Großbritannien ist raus aus der EU und von einer Mauer umgeben, die das ansteigende Meer und Illegale draußen halten soll, ein junger Rekrut erfährt die Ödnis des Wachdienstes auf dem Schutzwall - soweit der Plot, auf den es laut Müller allerdings nicht so sehr ankommt wie auf die Haltung. Die manifestiert sich für ihn darin, dass der Autor keine Allegorie entwirft, sondern die Verwandlung der Seelen durch das Faktum der Mauer beschreibt.
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