Julian Barnes

England, England

Roman
Cover: England, England
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Berlin 1999
ISBN 9783462028300
gebunden, 352 Seiten, 23,01 EUR

Klappentext

Martha Cochrane, Ende dreißig, intelligent und zupackend, ergattert eine Stelle im Beraterstab von Sir Jack Pitman. Der krönt gerade seine bemerkenswerte Karriere als gerissener Unternehmer mit dem Kauf der Isle of Wight. Er will dort England historisch getreu als Vergnügungspark neu errichten, nur kleiner, touristengeeigneter. Das Ganze wird ein Riesenerfolg. Das wahre England gerät allmählich in Vergessenheit und sinkt in agrarischen Schlaf.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.03.2000

Auf den ersten Blick erscheint es überraschend, dass Ulrich Sonnenschein mehrfach den Ernst und die Tragik betont, mit der Barnes hier seiner Ansicht nach zu Werke gegangen ist. Denn gleichzeitig hält der Rezensent dieses Buch für ein "überaus unterhaltsames Leseabenteuer", und die von ihm nacherzählten Szenen versprechen dem Leser ein rekordverdächtiges Lesevergnügen. Allerdings zeige sich bei näherem Hinschauen, dass es sich hier um ein "hinterhältig tiefsinniges Buch" handle. Denn Barnes` eigentliche Themen sind, so Sonnenschein, von wackeligen Hoffnungen und Utopien zurecht gezimmerte Wunschwelten, tragische Einbildungen und Realitätsverlust: Er habe "den Begriff der Virtualität wörtlich genommen", so der Rezensent. Voller Bewunderung lobt er Barnes` Romankonstruktion, die er durchweg logisch und überzeugend findet sowie die stets "nachvollziehbaren" Entwicklungen. Dies steht zwar in gewissem Kontrast zu der inhaltlich äußerst bizarren Geschichte, jedoch meint Sonnenschein, dass die "Farce", wie er es nennt, bei genauerer Betrachtung, verblüffende Verwandtschaft zur Realität aufweist. Dabei verzichte Barnes (zu Sonnenscheins spürbarer Erleichterung) auf jegliche pädagogisierende oder politisierende Attitüde.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.10.1999

Carola Rönneburg beschränkt sich in ihrer Rezension weitestgehend darauf, den Inhalt der etwas verwickelten Geschichte von Julian Barnes wiederzugeben. Dabei ist ihre Sympathie für dieses Buch deutlich spürbar, sie hält es für eine "sehr schöne und sehr komische Geschichte", deren Schluss allerdings eine erhebliche Schwäche aufweise. Sie geht nicht näher darauf ein, was sie damit meint, vielleicht soll der Leser noch die Gelegenheit haben, es selbst herauszufinden. Besonderen Gefallen scheint Rönneburg an der Figur der Martha Cochrane gefunden zu haben, die als Berufszynikerin im riesigen Vergnügungspark arbeitet. Rönneburg ist der Ansicht, dass Martha einen "desillusionierten und vernünftigen Blick auf die Welt wirft, wie man ihn nur selten in Büchern findet". Und auch die Tatsache, dass Martha über Männer nicht nur nachdenkt, sondern auch darüber nachsinnt, "wie das Leben erträglicher wird", findet Rönneburg ungewöhnlich: Das sei immerhin mehr, als "Frauengestalten im Allgemeinen sonst zugestanden wird".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1999

Ingeborg Harms ist angetan: Barnes, der "selbstironische Kleinmeister" (damit meint sie wohl einen Meister der kleinen Form, denn als "Kleinmeister" gilt doch eigentlich ein unbedeutender Künstler) treibt ein Spiel mit der Sucht nach Authentizität im Zeitalter der Simulation. Ein Unternehmer baut ein Klein-England auf der Isle of Wight nach, das echter wird als das echte. Seine putzigen Bewohner in Bauertrachten, Angestellte eines Unterhalungsimperiums, identifizieren mit ihren Rollen, fangen an, selbst zu jagen und wollen nur noch rote Beete statt Pizza. So zeugt, schreibt Harms, die Postmoderne den Fundamentalismus, und Barnes könne im "Souvenirladen des Empires" kramen. Harms Kritik beschränkt sich weitgehend auf Nacherzählung.
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