Die Sorben, eine slawische Minderheit in Deutschland, bewohnen seit etwa 1400 Jahren das Gebiet der Lausitz. Mit zähem Behauptungswillen und kreativer Eigenständigkeit ist es ihnen gelungen, in einer langen Geschichte voller Bedrängungen und Übergriffe die eigene Kultur zu bewahren. Der Leser wird die Frische ihrer Volkslieder ebenso schätzen lernen wie den kämpferischen Witz aus der Zeit des Humanismus oder die bukolische Idyllik des Barock. Sorbische Dichtung von ihrem nationalliterarischen Durchbruch im 19. Jahrhundert bis zu ihren Höhepunkten im 20. Jahrhundert trotzt dem allmählichen Absterben des Sorbischen als gesprochener Sprache.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.11.2004
Eine "bestechende Anthologie" erblickt Rezensentin Ilma Rakusa in diesem von Kito Lorenc herausgegebenen Band, der sorbische Dichtung in ihrer gesamten Vielfalt von den Anfängen bis heute vorstellt. Wie sie berichtet, können die Sorben, die nie über einen eigenen Staat verfügten, auf eine mehrhundertjährige literarische Tradition zurückblicken. Gerade die zeitgenössischen, durchwegs zweisprachigen sorbischen Dichter seien sich ihrer insularen Situation bewusst. Mit "Verve" und bisweilen auch mit "Wehmut" schrieben sie gegen Assimilation und Gedächtnisverlust an. "Berührend" findet Rakusa etwa, wie Róza Domascyna die doppelte Optik nutze, um ihre Muttersprache im Prisma des Deutschen aufleben zu lassen. Rakusa vergleicht die Lektüre von Lorencs Anthologie mit einem Gang durch Geschichte und Geografie eines Volkes, "das sich wie wenige über seine Sprache definiert und auf seine Dichter vital angewiesen ist".
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