Was kommt heraus, wenn sich mitten im Kalten Krieg ein von der Commedia dell arte und Westschweizer Volksbräuchen inspirierter Theaterregisseur mit der IBM Schweiz zusammentut, um eine Live-Befragung des Publikums der Landesausstellung von 1964 durchzuführen, und zwar auf Basis eines soziologisch elaborierten Fragebogens aus der Feder von Forscherinnen und Forschern aus Paris? Das Ergebnis ist ein handfester Politskandal und eine soziologische Studie, deren Rohmaterial sich schließlich der inzwischen berühmte Soziologe Luc Boltanski annimmt und darauf aufbauend seine erste Monographie verfasst. Koni Weber rekonstruiert die Entstehung, Entwicklung und Verwerfung einer soziologischen Gesellschaftsdeutung.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 22.10.2014
Mit Interesse hat Urs Hafner diese Studie von Koni Weber zum großen Schweizer "Gulliver"-Skandal gelesen. Zur Expo von 1964 sollte eine Gulliver-Figur auf dem Ausstellungsgelände Besucher befragen und deren Antworten mit denen einer repräsentativen Umfrage unter Schweizern vergleichen, zu Fragen von Abtreibung, Wehrdienst oder Neutralität. Das untersagte die Politik, die von Meinungsforschung nicht viel hielt und in heiklen Fragen gefälligst richtungweisend bleiben wollte. Brisant findet Hafner Webers Ergebnis: Die Schweizer verstanden die Nation trotz aller anschließenden Kontroverse als Einheit, nur der französische Soziologe Luc Boltanski machte auf die Spannung zwischen Bürgertum und Arbeitern aufmerksam und sah in der Unterrepräsentation Letzterer eine Hauptursache für die hohen Scheidungs- und Selbstmordraten in der Schweiz.
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