Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Michael Düring. Kapitän Gulliver, Held des Romans "Gullivers Reisen" von Jonathan Swift, ist aus dem Lande der Houyhnhnms nach England zurückgekehrt. Hier setzt Kozyrews Fortschreibung ein. Gulliver wird von der Kirche verfolgt, entzieht sich per Luftschiff seiner Verhaftung und landet in einem unbekannten Land namens Juberallija, dem "besten Land der Welt": Deutschland, Deutschland "über alles"/ "juberalles", wie es in russischer Aussprache heißen würde. Gulliver, zum Tode verurteilt, kann der Strafe entgehen und wird Berichterstatter des Imperators, der schließlich Krieg gegen den Erzfeind Uzegundija führt. Wir erfahren viel über das Leben in einem totalitären System, in dem die irrwitzigsten Verdrehungen von Tatsachen ebenso an der Tagesordnung sind wie die absonderlichsten charakterlichen Verbiegungen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.12.2005
Michail Kozyrew habe seine Gulliver-Fortschreibung im Jahr 1936 gewissermaßen im inneren Exil geschrieben, weiß Rezensent Ralph Dutli, sechs Jahre nachdem er als "bourgeoiser Schriftsteller" aus allen Schriftstellerverbänden ausgeschlossen wurde, und sechs Jahre, bevor er im Gefängnis starb. Auf Russisch habe das Buch erstmals 1991 erscheinen können. Gulliver bei Kozyrew, referiert Dutli, mss vor der englischen Kirche fliehen und gerät nach "Juberallija", einem Land, das sehr nach Hitlerdeutschland riecht, aber auch schon im Wortstamm ein "Überall" markiert. Überall, wo ähnliche Polizeistaaten und Hitler und Stalin ähnliche "grausame und lüsterne Greise" herrschen. Erkennbar baue Kozyrew auch sowjetische "Gewohnheiten und Bräuche" in seine allgemeine "Verballhornungsphantasie" ein. An literarischem Rang, so der Rezensent, könne sich Kozyrews Gulliver-Roman zwar nicht mit den großen Antiutopien eines Smjatin oder Platonow messen, hingegen schon, wenn es um "Kuriositäten, Ungereimtheiten und Absurditäten", und nicht zuletzt um weitere "Ubu-Rois" gehe. Lesenswert meint Ralph Dutli.
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