Laszlo Marton

Die schattige Hauptstraße

Roman
Cover: Die schattige Hauptstraße
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2003
ISBN 9783552052215
Gebunden, 164 Seiten, 15,90 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Agnes Relle. Ignac Halasz hieß der Photograph der ungarischen Kleinstadt, die uns Laszlo Marton in seinem neuen Roman vorstellt. Seine Porträts von Menschen und Landschaften, die er in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anfertigte, sind verschwunden wie er selbst. Geblieben sind die Schemen der Erinnerung, sind die Schatten, die sich wie Gestalten entlang der ehemaligen Hauptstraße bewegen. Marton erweckt diese Gestalten zum Leben. Anhand des Schicksals zweier Mädchen beschreibt er, wie es den Freunden, Verwandten und Nachbarn von Aranka Roth und Gaby Göz ergangen sein mag, wie in das friedliche, bürgerliche, jüdische Milieu die Geschichte eindrang, wie Menschen verfolgt und diskriminiert wurden und ihnen allmählich nichts anderes mehr blieb als Flucht und Verderben. Ein präziser Bilderreigen von einem der einfallsreichsten Erzähler der jüngeren Generation.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2003

Dieser Holocaust-Roman, der sich alle Mühe gibt, das Unbegreifliche zu vergegenwärtigen, ist eindeutig das Buch eines Nachgeborenen, stellt Markus Clauer fest. Der ungarische Autor Laszlo Marton nehme Zuflucht im Imaginären, weil sich so eher die Wahrheit erzählen lasse. Die Leser bleiben im Ungewissen, ob das berichtete Schicksal des jüdischen Fußballers überhaupt authentisch ist oder nicht, so Clauer. Marton ist berühmt dafür, sehr ausufernd, verschachtelt, barock zu schreiben, weiß der Rezensent. Dem entgehe auch der Protagonist des Romans nicht, dessen Schicksal sich in unzähligen anderen Schicksalen spiegele, die ein unentwirrbares Geschichten- und Geschichtsknäuel ergeben. Clauer erklärt sich das damit, dass es Marton wohl unmöglich erschienen ist, die eine wahre Geschichte zu erzählen, weshalb er eine unendliche Geschichte erzählt, die in Variationen immer das gleiche berichtet. Selbst die Hauptfigur sei letztlich ersetzbar, weil das Leben überhaupt unerzählbar sei. Da steckt viel Programmatisches in der literarischen Umsetzung, erkennt Clauer. Und so hat ihn dieser Roman in seinem distanzierten Bemühen um Vergegenwärtigung vergangener Schrecken ebenso berührt wie genervt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.07.2003

Laszlo Marton hat sich zu viel vorgenommen mit seinem Projekt, die fiktiven Lebensläufe von ungarischen Juden ausgehend von alten Fotografien zu zeichnen, meint Rezensent Hans Christian Kosler. So kranke der Roman etwa daran, dass Martons "Endlos-Sätze" nicht richtig in Schwung kommen, stellt Kosler fest, fügt aber versöhnlich hinzu, dass der Autor doch über einen großen Vorrat an skurriler Fantasie und schwarzem Humor verfüge. Er müsste diesen nur gezielter einsetzen, schlägt Kosler vor, anstatt ihn in Reflexionen über den Konstrukt-Charakter seines Romans zu ertränken. Kosler rät als Heilmittel also zu "erzählerischer Schlichtheit". Die zwei Vorbemerkungen findet er dann auch reichlich umständlich - sie erinnern ihn an die "Theorielastigkeit der deutschen Avantgarde-Literatur zur Zeit der Studentenrevolte". Letztendlich sei das der Versuch, die offizielle Version der "dunklen" ungarischen Geschichte durch einen subjektiven, "willkürlichen" Blick abzulösen, stellt Kosler fest. Darin erkennt er eine Tendenz, die er bei einigen ungarischen Autoren der mittleren und jüngeren Generation feststellt: Als "Nachgeborene" ist es ihnen nicht möglich, als "unterkühlte Zeitzeugen" zu schreiben, so wie es die Holocaust-Überlebenden Kertesz und Konrad tun.
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