Aus dem Amerikanischen von Kirsten Riesselmann. Alle Geschichten von Sucht gleichen einander, doch jeder Süchtige glaubt, auf ganz eigene Weise unglücklich zu sein. Das begriff Leslie Jamison, als sie begann, Treffen der Anonymen Alkoholiker zu besuchen: Sie trank, weil sie ihre Mängel verbergen und um jeden Preis besonders sein wollte. Sie würde erst genesen, wenn sie nicht mehr auf ihrer Originalität beharrte. Jamison erzählt sie von ihrer Abhängigkeit und hält sie gegen die populären Mythen trunkener Genialität - über Raymond Carver, Billie Holiday, David Foster Wallace und viele andere. "Die Klarheit" ist eine persönliche und kollektive Geschichte des Trinkens und des nüchternen Lebens.
In "Die Klarheit" erzählt Leslie Jamison auf zähen 600 Seiten die Geschichte ihrer Selbstzerstörung und der anschließenden Selbstheilung, erklärt Rezensent Ronald Düker. In immer neuen Schleifen beschreibt die Autorin ihre zahlreichen Rauschzustände sowie den unweigerlicher darauf folgenden Kater, bevor sie zu dem Moment ihrer Errettung kommt - dem Moment, indem sie beschließt, den Anonymen Alkoholikern beizutreten und ihrer Sucht den Kampf anzusagen, lesen wir. Die Ehrlichkeit und Präzision mit welcher sie aus dem eigenen Leben und Leiden schreibt, hat etwas gnadenloses und erschütterndes, findet der Rezensent. Und auch die Erzählungen ihrer Leidensgenossen bei den AA gibt sie ungeschönt wieder - was allerdings auch bedeutet: in all ihrer spannungslosen Banalität. Düker sieht in diesem Anspruch ein Problem, der ihm das Buch letztlich zum Ärgernis macht.
Auf über 600 Seiten berichtet die Buchautorin über ihre Alkoholsucht, es ist fast zu viel, als dass Rezensent Philipp Haibach noch ein klares Bild von diesem Buch zeichnen könnte. Es scheint einerseits um ihre eigene höchstpersönliche Geschichte zu gehen - etwa den Aspekt, dass nichts Traumatisches in ihrem Leben auf eine besondere Suchtaffinität hindeutete. Aber es handelt auch von trinkenden Schriftstellern im Unterschied zu trinkenden Schriftstellerinnen - ja, selbst hier gibt es in der Außenwahrnehmung eine Diskriminierung, die Säuferinnen weniger poetisch erscheinen lasse. Und schließlich sind da noch die ganz normalen Trinker aus den Treffen mit den anonymen Alkoholikern. "Für uns alle" habe sie dieses Buch geschrieben, das der Rezensent, so scheint es, am Ende etwas müde aus der Hand legt.
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