Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. Nachwort von Michi Strausfeld. Drei Jahrzehnte nach dem 25. April 1974, dem Tag der portugiesischen Revolution, soll die in den USA lebende Ich-Erzählerin Ana Maria Machado, Tochter eines linken portugiesischen Journalisten, für die CNN eine Fernsehreportage über die sogenannte "Nelkenrevolution" machen. Die junge Generation Portugals will eigentlich nichts mehr wissen von dieser Vergangenheit und sieht die "Helden" der Revolution eher als Verräter an ihren eigenen Idealen. Doch dies ändert sich für Ana Maria und zwei ihrer ehemaligen Kommilitonen, als sie sich gemeinsam an die Reportage für die CNN begeben. Ausgehend von einer Fotografie mit den Protagonisten des Umsturzes porträtieren sie einige der damaligen Akteure. Lídia Jorge setzt mit diesem Roman all jenen Menschen ein Denkmal, die im April 1974 heldenhaft für ihr Land kämpften und nun größtenteils desillusioniert sind, und sie zeigt den Widerspruch zwischen den großen, heroischen Augenblicken der Geschichte und dem späteren Realitäts-Clash auf.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 25.04.2026
Lídia Jorge hat einen weiteren starken Roman über die portugiesische Nelkenrevolution geschrieben, lobt Rezensent Maximilian Mengeringhaus. Das ursprünglich 2014 erschienene Buch nähert sich dem Umsturz, der im Jahr 1974 die Diktatur beendete und zunächst von sozialistischen Utopien beflügelt war, über eine metafiktionale Konstruktion, erklärt der Kritiker: 30 Jahre nach der Revolution regt der amerikanische Botschafter in Portugal eine Fernsehsendung über dieses historische Ereignis an, verantwortet wird es von der Tochter eines berühmten Journalisten. Die bald herausfindet, dass die Sache damals keineswegs so einfach und eindeutig war, wie man auf den ersten Blick meinen könnte, schnell stößt sie auf widersprüchliche Zeitzeugenberichte und auch auf Helden mit gebrochenen Biografien. Mengeringhaus hat das der einen oder anderen langatmig introspektiven Passage zum Trotz insgesamt gern gelesen und hofft, dass künftige deutsche Wenderomane - die hiesige Entsprechung der Nelkenrevolutionsliteratur - sich eine Scheibe bei Jorge abschreiben werden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2026
Rezensent Paul Ingendaay lernt mit dem neuen Roman von Lidia Jorge, welch kurze Halbwertzeit historische Momente haben können. Auf die "zerschlissenen" Illusionen ihrer Generation blickt Jorge mit ihrem Text über eine Handvoll Figuren und ihren kurzen Auftritt auf der Weltbühne während der Nelkenrevolution, erklärt Ingendaay. Die Journalistin Ana Maria Machado soll eine Dokumentation über die Revolution drehen und befragt dazu Zeitzeugen. Herauskommt allerdings eine "Demythisierung" des Ereignisses, bei Jorge nimmt das die Dimensionen einer "hintergründigen Sozialkomödie an", findet der Kritiker. Neben Saramago und Lobo Antunes erweist sich Jorge damit für Ingendaay einmal mehr als gesellschaftskritische Stimme ihres Landes. Faszinierend findet er, dass der Text keinerlei Fakten über das Ereignis nötig hat, nur die Sicht der Figuren, um die Gesellschaft derart kritisch zu durchleuchten. Ein kluger, psychologisch raffinierter Roman über das Ende der Heldengeschichten, so Ingendaay.
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