Ljudmila Ulitzkaja

Jakobsleiter

Roman
Cover: Jakobsleiter
Carl Hanser Verlag, München 2017
ISBN 9783446256538
Gebunden, 640 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Nach der Revolution ziehen Jakow und Marussja mit ihrer kleinen Familie nach Moskau. Während Marussja der neuen Regierung vertraut, erkennt Jakow bald die Missstände. Unter Stalin wird er nach Sibirien verbannt. Seine Frau lässt sich scheiden, auch der Sohn wendet sich von ihm ab, und seine Enkelin Nora sieht er nur einmal als Kind. Sie, die ein bewegtes Leben führen wird - Bühnenbildnerin, alleinerziehend, georgische Liebschaft - lernt ihren Großvater erst aus seinen Liebesbriefen an die Großmutter kennen. Angeregt durch den Briefwechsel ihrer eigenen Großeltern hat Ljudmila Ulitzkaja einen Roman geschrieben, der die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert aus unmittelbarer Nähe erzählt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2017

Für Rezensentin Sabine Berking ist Ljudmila Ulitzkaja die "Doyenne der russischen Literatur". Entsprechend erfreut nimmt die Kritikerin dieses nun auch auf Deutsch erschienene Epos der Autorin zur Hand, die anhand von fünfhundert im Nachlass entdeckten Briefen ihrer Großeltern aus den Jahren 1911 bis 1954 von den Schicksalen der bürgerlichen Intelligenzija der Gründerjahre der Sowjetunion erzählt. Bewegt liest Berking nicht nur, wie die aus Kiew stammenden Juden Pogrome und Diskriminierungen erlebten und ihre Bühnenträume begraben mussten, sondern sie erfährt auch, wie die Ehe der Großeltern zerbrach, nachdem der Großvater verbannt wurde. Wie Ulitzkaja diese Erzählung mit dem Handlungsstrang um die Emanzipation der in den sechziger Jahren aufwachsenden Enkelin verknüpft, hat der Kritikerin gut gefallen. Und angesichts der Lebensfülle dieses Buches verzeiht sie auch gern, dass die Figuren der Großeltern ein wenig blass bleiben.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.10.2017

Rezensentin Ilma Rakusa freut sich über Ljudmila Ulitzkajas neues Buch. Für die Rezensentin tragischer Familienroman, spannendes Zeitpanorama und mutige Aufarbeitung persönlicher und politischer Geschichte in einem. Die von der Autorin anhand von Briefen und Tagebüchern vorgenommene Rekonstruktion des Lebens ihres Großvaters zieht Rakusa in ihren Bann, spiegelt diese Geschichte doch die Verwerfungen und Brüche der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Russland und der Sowjetunion wider. Ulitzkajas Erzählung von Liebe und Verrat, Einsamkeit und Solidarität, Mut und Feigheit findet die Rezensentin souverän, empathisch, humorvoll und frei von Moralisieren und Besserwisserei. Ein aufklärerisches Buch über die Verflechtungen von großer und kleiner Geschichte, meint Rakusa.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2017

"Jakobsleiter" erklärt Rezensent Hans-Peter Kunisch, ist einer dieser Romane, in die man sich hineinlesen muss, von deren Beginn man sich nicht täuschen und nicht abschrecken lassen darf, denn Spannung entwickelt sich erst in der zweiten Hälfte des Romans und erst dann versteht man auch, worum es im Kern geht, ermuntert der Rezensent: ein Mann und eine Frau, ein Ehepaar und ihr Konflikt, beide Opfer des Sowjetsystems, wenn auch auf verschiedene Weise: Er ist politisch, ideologisch und philosophisch ein unverrückbarer Intellektueller. Sie ist eine parteihörige, egozentrische "proletarisch-launische Bohèmienne" und Verräterin ihres Ehemanns, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt. Beide haben ihr Vorbild in den Großeltern Ulitzkajas, erfahren wir. Doch im großen Ganzen geht es der Autorin mehr um "literarische Wahrhaftigkeit" als geschichtliche Realität. Ein spannendes, aufschlussreiches und nachdrückliches Buch, das nach und nach eine regelrechte "Panorama-Qualität" entfaltet, so der überzeugte Rezensent.

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