Nadeschda Mandelstam

Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe

Cover: Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe
Die Andere Bibliothek, Berlin 2020
ISBN 9783847704263
Gebunden, 550 Seiten, 44,00 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen neu übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Ursula Keller. Nadeschda Mandelstam blickt auf Jahrzehnte zurück, von denen ihr Mann, der große Lyriker Ossip Mandelstam, in einem seiner Gedichte als "Jahrhundert der Wölfe" spricht. Ihr Erinnerungsbuch - erstmals neu und vollständig übersetzt - ist eine nachgetragene Liebesgeschichte und das eindringliche Porträt einer Epoche, in der 1938 ihr Mann in den Lagern verschwand und umkam. Als Nadeschda Mandelstams Erinnerungsbuch 1970 in einem russischen Verlag in den USA erschien und fast zeitgleich in englischer, französischer und deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde, kam das einer Sensation gleich. Mit der Publikation des aus der Sowjetunion ins westliche Ausland geschmuggelten Manuskripts begann die Wiederentdeckung von Ossip Mandelstam.
Nadeschda Mandelstams autobiografische Prosa gehört zu den Höhepunkten der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Anders als Wassili Grossman oder Alexander Solschenizyn, die ihre Berichte aus den Abgründen der Sowjetunion im Hinblick auf eine Publikation dort verfassten, schrieb die Dichterwitwe ihre Erinnerungen für sich selbst und spätere Generationen, ohne die Möglichkeit einer Veröffentlichung auch nur in Erwägung zu ziehen. Das Erbe ihres Mannes, sein lyrisches Werk, bewahrte Nadeschda Mandelstam lange Jahre nur im Gedächtnis, ehe sie es Freunden diktieren konnte. Ihre Erinnerungen erschienen in Russland erst 1986 - während der Perestroika. In ihrem Memoirenwerk erzählt sie mit mutiger Offenheit und in unzähligen Geschichten aus dem alltäglichen Leben jener Jahre: von Freunden, die Verrat üben, von Pasternak, von Stalin und vielen anderen - die Wahrheit über diese gewaltsame Epoche ist wohl nie wieder so berührend geschildert worden.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 19.10.2020

Rezensent Tobias Lehmkuhl erklärt, dass der Leser kein Buch über Ossip Madelstam erwarten sollte, wenn er Nadeschda Mandelstams in den sechziger Jahren verfasste Erinnerungen zur Hand nimmt. Eine Menge über die Arbeit und die Lektüre des Schriftstellers erfährt er gleichwohl. Vor allem aber interessiert Lehmkuhl an der mit Erläuterungen versehenen, gelungenen Neuübersetzung von Ursula Keller ohnehin, wie Nadeschda Mandelstam sich des Themas künstlerische Souveränität vs. politisches Diktat annimmt und ein Porträt ihrer von Terror und Unterdrückung geprägten Zeit zeichnet. Die Verbindung aus konkreten Ereignissen und historischer Schau, aus beschreibender und reflexiver Ebene gelingt der Autorin dabei meisterlich und in einem sachlichen, mit einer Spur Ironie gefärbten Ton, der Lehmkuhl an Tschechow und Gogol erinnert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.10.2020

Lange Zeit war Nadeschda Mandelstams "Jahrundert der Wölfe" vergriffen, nun bringt zum Glück die Andere Bibliothek dieses Großwerk der sowjetischen Dissidentenliteratur wieder heraus. Auch Rezensent Helmut Böttiger ist dafür sehr dankbar, auch wenn ihm Ursula Kellers nah am Original bleibende Neuübersetzung etwas sperrig erscheint und sich ihm Mandelstams "Gefühlsfarben" nicht leicht erschließen. Aber dann eröffnet sich ihm doch, wie Nadeschda Mandelstam von den literarischen und existenziellen Überlebenskämpfen nach der Revolution erzählt, vom Leben mit ihrem Mann, dem großen Dichter Ossip Mandelstam, der nicht nur bei Stalin in Ungnade gefallen war, sondern auch bei den Dichterfreunden der Avantgarde, und der 1938 in einem sowjetischen Lager bei Wladiwostok starb. Wie Mandelstam ihrer beider Lebensgeschichte aus Mosaikstücken zusammenfügt, ohne je eine geradlinige Erzählung daraus zu machen, beeindruckt den Rezensenten tief.
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