Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Die Rhetorik des bevorstehenden Untergangs begleitet die Union freilich seit mindestens einem Jahrzehnt - und erwies sich doch stets als stark übertrieben. Der Eindruck der Dauerkrise, so Luuk van Middelaar, verdankt sich einer Metamorphose von der Regel- zur Ereignispolitik: Statt stiller Technokratie ist Improvisationsfähigkeit gefragt. Da Corona die Körper alle Bürgerinnen und Bürger bedroht, wird Europa zu einer öffentlichen Angelegenheit. Und die EU realisiert, dass sie sich zwischen China und den USA selbstbewusst positionieren muss.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 14.06.2021
Rezensentin Sieglinde Geisel schätzt die Mischung aus analytischer Distanz und Insiderperspektive in Luuk van Middelaars Buch über die EU in der Pandemie. Kenntnisse des Autors aus seiner Beratertätigkeit für die EU fließen in den Text ein, wenn der Autor die Transition von der Regelpolitik zur Ereignispolitik in der EU beschreibt, erkennt Geisel. Lebendig ist das Buch aber auch, stellt sie fest. Das liegt am Gespür des Autors für Bilder und Dramaturgie, meint Geisel.
Rezensent Christoph Schäfer lernt die EU als Bulldozer kennen. Dass sie als Antrieb Krisen - wie die Eurokrise, Trump oder Corona - benötigt, vermittelt der Historiker und Philosoph Luuk van Middelaar in seinem Essay dem Rezensenten glaubhaft. Das Buch ist für Schäfer Analyse und Vision in einem, Analyse der europaweit geteilten Ängste, Vision der EU als einer politisch engagierten Schicksalsgemeinschaft. Der Autor tritt ihm als scharfer Kritiker wie als zutiefst europäischer Denker entgegen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.06.2021
Rezensent Thomas Speckmann kennt schon Luuk van Middelaars Theorem vom Übergang von der Regel- zur Ereignispolitik. Wenn der Historiker unter dieser Prämisse Corona und die Folgen für die EU untersucht, verspricht sich Speckmann Erkenntnisse - und wird nicht enttäuscht. Das Läuternde der Krise sieht der Autor sowohl im öffentlichen Aufruhr als auch in der gemeinsamen Erfahrung. Besonders der zweite Buchteil, in dem Autor über Corona hinaus nach den praktischen Erkenntnissen aus der Krise fragt, erscheint Speckmann aufschlussreich. Dass die zukünftige Weltordnung eine multipolare sein und Europa Ereignis(welt)politik betreiben muss, wie der Autor feststellt, findet der Rezensent jedenfalls nachvollziehbar.
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