An einem Seitenarm des Río Magdalena
Roman

Bahoe Books, Wien 2025
ISBN
9783903478503
Gebunden, 180 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Aus dem kolumbianischen Spanisch von Erich Hackl. Ein Roman aus Kolumbien, über eine zarte, innige Mädchenfreundschaft, über das allmähliche Erwachen politischen Bewusstseins und über ein Massaker auf einer Finca am Río Magdalena. Dazu der Alltag in einer Stadt, Barrancabermeja, der vom Erdöl und vom Kampf ums Überleben bestimmt wird. An einem Seitenarm des Río Magdalena spielt in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, aber das ist nur daran zu merken, dass Handys und Computer keine Rolle spielen. Denn das, was Paulina, eines der beiden halbwüchsigen Mädchen, berichtet und erleidet, bestimmt immer noch das Leben der Campesinos in einem der schönsten und grausamsten Länder Lateinamerikas.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.01.2026
Äußerst wichtig und erschreckend findet Rezensent Florian Borchmeyer diesen Roman der kolumbianischen Schriftstellerin und Journalistin über ein im Jahre 1984 an einer kleinen Siedlung durch Regierungstruppen verübtes Massaker. Es beginnt mit der einfühlsam erzählten Geschichte einer Mädchenfreundschaft, zwischen Paulina und Sierva, die sich in einer religiösen Privatschule kennenlernen, erfahren wir. Was in zwischen beiden Mädchen wechselnden Erzählperspektiven zu einer langjährigen, innigen Beziehung werden könne, wandle sich stattdessen in eine Grauenschronik, wenn Paulina zu ihrem Hof zurückreist und dort den Regierungstruppen zum Opfer fällt. Die laut Borchmeyer der lateinamerikanischen Erzähltradition der "crónicas" zuzurechnende Vermengung von journalistischem und literarischem Schreiben wird hier überzeugend und fantastisch gesprengt, da Paulina selbst detailliert von ihrer Ermordung berichtet. Das deutet der Kritiker emblematisch für das Programm des Textes, der auf allen Ebenen der unbedingten Vergegenwärtigung dieses Ereignisses entgegenarbeitet und dadurch zu einem notwendigen "Zauberspruch gegen das Vergessen" wird.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 29.11.2025
Rezensentin Eva-Christina Meier muss schwer schlucken angesichts der blutigen Geschichte Kolumbiens, der Marbel Sandoval Ordóñez in ihrem Debütroman nachfühlt. Es geht vor dem Hintergrund eines realen Massakers 1984 in Vuelta Acuña im Kontext des jahrzehntelangen, erst seit 2016 mühsam in Schach gehaltenen Konflikts zwischen Regierung und Paramilitärs um die Freundschaft zwischen zwei Mädchen; eine wird dem Massaker zum Opfer fallen, die andere in ihren Nachforschungen auf Schweigen stoßen. Thematisiert werden außerdem die verschiedenen Lebensrealitäten der beiden Mädchen - Paulina wohnt mit ihrer Mutter in ärmlichen Verhältnissen in der Stadt, Sierva María geht es als Tochter einer Schneiderin auf dem Land etwas besser. Durch die Vorwegnahme von Paulinas Tod ganz zu Anfang des Romans sind auch unbeschwerte Passagen, etwa zu Paulinas Begeisterung für den samstäglichen Katechismus-Unterricht, von einer "beunruhigenden Intensität", so Meier. Ein packender und bedrückender Roman über die jüngere kolumbianische Gewaltgeschichte, "stimmig" übersetzt von Erich Hackl, lobt sie.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 28.10.2025
Gebannt folgt Rezensentin Katharina Döbler den genau beobachteten Einzelheiten, die die kolumbianische Investigativjournalistin in ihrem Roman über die Auswirkungen eines Massakers durch eine paramilitärische Gruppe ausbreitet. Die Journalistin verarbeitet hierin den realen Überfall, den eine rechtsextreme, militärische Truppe im Jahr 1984 entlang des Río Magdalena verübte. Sie erzählt abwechselnd von zwei engen Freundinnen an unterschiedlichen Orten: ein namenlos bleibendes, dreizehnjähriges Mädchen in einer Stadt und die fünfzehnjährige, mit ihrer Mutter zu ihrem Landgut zurückkehrende Paulina, die Opfer des Angriffs wird und aus einer Form von Jenseits berichtet. Mit eindringlicher Genauigkeit erfasst die Journalistin sowohl Paulinas Freude um die Rückkehr als auch die darauf einsetzende Gewalt nach dem Einbruch der Truppen, lobt die auch nach der Lektüre noch von den Details heimgesuchte Kritikerin. Die emotional wuchtig erzählte Entwicklung von Hoffnung in Fassungslosigkeit und schließlich Resignation verbinde die Journalistin gekonnt mit eingestreuten, den Überfall verharmlosenden Zeitungsmeldungen. Eine wichtige Sensibilisierung gegen die "Allgegenwart von Gewalt und Gleichgültigkeit", findet Döbler.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 27.09.2025
Rezensent Michael Schmitt gewinnt mit Marbel Sandoval Ordonez' Roman eine einfühlsame Perspektive auf ein komplexes Thema: Ausgangspunkt der Handlung ist ein Massaker an acht Kolumbianern in einer kleinen Arbeiterstadt nahe Medellin, die Opfer der Gewalt zwischen Drogenkartellen, Guerilleros und Staat geworden sind. Zwei Mädchen erzählen abwechselnd davon: Paulina aus dem Totenreich, Sierva Maria als Überlebende, berichtet Schmitt. Sie erzählen von Folter, Gewalt, Erschießungen, Schändungen und von der mangelnden Aufklärung, die der Korruption geschuldet ist. Für den Kritiker ein einfühlsames Buch, das Erich Hackl kongenial übersetzt hat.