Aus dem Polnischen von Thomas Weiler. Warschau um 1942: Rafal flieht vor der grausamen Wirklichkeit des Ghettos in die Bibliothek, in die Welt der Bücher. In H. G. Wells 'Zeitmaschine' entdeckt er Parallelen zwischen der Realität und der im Roman beschriebenen Welt. Schließlich gelingt es seinem Großvater, Rafal aus dem Ghetto zu schmuggeln. Er versteckt sich im Warschauer Zoo. Aber die Nazis sind ihm auf der Spur ...
In "Flügel aus Papier" erlebt der achtjährige Rafal seine Flucht aus dem Warschauer Ghetto als großes Abenteuer - was sich zuerst nach einer Unmöglichkeit anhört, ergibt für den Rezensenten Frank Griesheimer eine gelungene Gratwanderung. Immer mehr Autoren nähern sich den Themen der NS-Zeit inzwischen freier und spielerischer, beobachtet der Rezensent. Möglich sei das vor allem durch den größer werdenden zeitlichen Abstand, vermutet er. Die immer präsente Gefahr, dabei kitschig und taktlos zu werden, hat der Autor hier abwenden können, meint Griesheimer. Die Geschichte, die Marcin Szczygielski erzählt, vermischt für ihn geschickt historische Fakten und fantastische Elemente, und hält sich dabei relativ konsequent an die begrenzte Wahrnehmung der Kinderperspektive. Was Rafal 1942 an Grausamkeiten miterlebt, wirkt ebenso wahrscheinlich wie die Zeitmaschine, die er zufällig findet und sein Fluchtmobil: ein Floß, das an Huckleberry Finn erinnert, fasst der Rezensent zusammen. Damit sei das Buch zwar je nach Perspektive schwer zu verdauen, für Kinder aber eben auch eine Abenteuergeschichte, die sich gut als Einleitung in Gedenken und Erinnern eignet, findet Griesheimer.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 31.03.2015
Cornelia Geissler empfiehlt dieses Buch von Marcin Szczygielski Kindern ab zehn. Die Geschichte um einen fantasiebegabten Jungen und seinen Geige spielenden Großvater im Warschauer Getto rührt sie durch ihre Kinder-Perspektive und den Umstand, dass der Autor die durch die Lektüre von H. G. Wells angeregte Fantasie des Jungen und die traurige Wirklichkeit des Gettos im Kopf des Kindes miteinander verschmelzen lässt. Spannend scheint Geissler das Buch überdies, da durch Wells Fantasy-Elemente in den Text gelangen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.03.2015
Bewegt hat Rezensentin Hilde Elisabeth Menzel Marcin Szczygielskis Jugendroman "Flügel aus Papier" gelesen. Der junge polnische Autor, den die Kritikerin als einen der "begabtesten" seines Landes würdigt, erzähle hier die Geschichte des kleinen Rafal, der mit seinem Großvater, einem berühmten Geiger, im Warschauer Ghetto lebt, nach einem missglückten Rettungsversuch im verlassenen Warschauer Zoo landet und dort auf andere Kinder trifft, die sich heimlich durch die von Anwohner angelegten Beete ernähren. Diesem tief berührenden, auf historischen Begebenheiten beruhendem Roman verzeiht die Rezensentin gern den überflüssigen Epilog.
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