Carl Hanser Verlag, München 2026
ISBN
9783446282278 Gebunden, 288 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Was bedeutete es in der heutigen Gesellschaft, die Opferrolle zu erleben und Verwundbarkeit zu zeigen? Schwäche zu zeigen galt lange als Tabu. Heute kann, wer sich als Opfer sieht, mit Aufmerksamkeit und Empathie rechnen. Sieger und Helden taugen nicht mehr selbstverständlich als Vorbilder. Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter erklärt diesen Wandel mit der weiten Verbreitung psychotherapeutischen Denkens und den vielfältigen Formen der Erinnerung an die Opfer politischer Gewalt. Damit wird die Gesellschaft menschlicher, geht aber das Risiko ein, dass Menschen in der Opferrolle Handlungsfähigkeit und Autonomie einbüßen. Reden wir allzu schnell von Opfern? Müssen wir uns darin üben, Konflikte und Verletzungen als unvermeidliche Erfahrungen zu akzeptieren? Maria-Sibylla Lotter wirft einen kühlen Blick auf eine aufgeregte Debatte.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.06.2026
Es geht gesellschaftlich mit vielen Vorteilen einher, sich als Opfer zu bezeichnen - so lautet die These, die Rezensent Oliver Pfohlmann in gleich zwei neuen Büchern liest. Das neue Buch der Anti-Rassismus-Aktivistin Alice Hasters zieht er dabei allerdings nur als Kontrastfolie zur Neuerscheinung der Philosophin Maria-Sibylla Lotter heran. Während erstere eine Einteilung in verschiedene Opfergruppen auf dem Spektrum zwischen vermeintlichen und tatsächlich schutzbedürftigen Opfern vornimmt und die Schwierigkeiten beklagt, als Opfer in der Welt zu bestehen, konzentriert sich Lotter darauf, Vor- und Nachteile der Entwicklung abzuwägen: So erfahren Opfer zunehmend eine "moralische Aufwertung", zugleich findet eine Begriffsverwässerung statt, etwa in dem Begriffe wie "Trauma" oder "Gewalt" etwa zunehmend erweitert werden. Lotter befürwortet zwar, dass Phänomene wie "strukturelle Gewalt" oder "Mikroaggressionen" sichtbar werden, benennt aber auch eine Struktur, die Menschen zwingt, sich in die Kategorien von Opfer und Täter einzuordnen und Debatten ohne Theoriekenntnisse fast unmöglich macht, liest Pfohlmann. Das Buch schneidet "erhellende Schneisen" in eine aufgeladene Debatte, in der die "Opferrolle" auch für die Betroffenen einengend sein kann.
Zur Debatte um Opferrollen und Opfererzählungen kann Rezensentin Renate Kraft gleich zwei neue Bücher empfehlen. Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter untersucht anhand von Beispielen wie Gil Ofarim, wie schnell die öffentliche Meinung jemanden als Opfer akzeptiert und daraus selbst noch den Distinktionsgewinn schlägt, auf der richtigen Seite zu stehen, schildert Kraft. Lotter mache sich dafür stark, nicht aus dem Blick zu verlieren, dass auch Opfer eine eigene Handlungsmacht hätten. Der Kritikerin fehlt an einigen Stellen zwar der Blick auf die Verhältnisse, die einigen Opfern ermöglichen, sich aus ihrer Position zu befreien und anderen nicht, zum Beispiel im Vergleich der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung und Black Lives Matter-Aktivisten, ansonsten findet sie das Buch mit seinem Fokus auf die jeweils individuelle Handlungsfähigkeit sehr gelungen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2026
Rezensentin Helene Rösch bespricht in ihrer Doppelkritik zwei Bücher zu den "Pathologien der Spätmoderne". Lesenswerte Einblicke in eine auf Social Media verstärkt stattfindende "Empörungslogik", in der die Begriffe/Konzepte von 'Opfer' und 'Trauma' Hochkonjunktur erfahren, bekommt sie im Buch von Maria-Sibylla Lotter (Titel: "Opfer"). Die Philosophin wählt darin den Antisemitismus-Skandal um Gil Ofarim als Aufhänger, um kritisch auf eine "Aufblähung" solcher Begriffe zu sprechen zu kommen: Während etwa 'Trauma' bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch ein physisches Leiden bezeichnete, wurde es nach dem Krieg auf psychische Zustände ausgeweitet und wird mittlerweile auch für Marginalitäten missbraucht, so die Autorin. Das könne zu einer "Pathologisierung normaler Erfahrungen" führen, wie sie unter Bezugnahme auf die Theorie von Nick Haslam darlegt. Diese kritische Perspektive auf therapeutische Sprache findet Röhnsch sinnvoll und inhaltlich tiefgehend dargestellt, aber manchmal bleibt für sie Lotters Analyse hinter dem eigenen "Ambiguitätsanspruch" zurück.
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