Frechheit oder Freiheit? Was galt als respektlos, ketzerisch oder obszön? Und was wurde als akademische Freiheit toleriert? Acht Essays decken die Spielräume auf, die Gelehrte der Frühen Neuzeit nutzten, um neues Gedankengut zu entfalten. Ein faszinierender Blick auf die Ideengeschichte.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.07.2007
Mit Interesse und Vergnügen hat Rezensent Christoph Lüthy dieses Buch gelesen, in dem Martin Mulsow die Gepflogenheiten der Gelehrtenwelt der Frühen Neuzeit und ihre mitunter die Grenzen des guten Geschmacks und der guten Sitten sprengenden Spottlust untersucht. Er sieht in diesen klugen Einzelstudien die mitschwingende, wenn vom Autor auch nicht explizit ausgeführte Vermutung zugrunde liegen, die here Gemeinschaft großer Geister sei wenigstens teilweise eine Fiktion. In Wahrheit sei sie von einer überbordenden Lust an blasphemischen Ausfällen, beleidigenden Anwürfen und vulgären Witzen durchzogen gewesen. Unter diesem Aspekt findet der Rezensent besonders die Abstufungen, die Mulsow zwischen einem gedruckten Werk, einem Vortrag bis zum Gespräch ausmacht, faszinierend, denn verschiedene Genres erlaubten den Gelehrten auch unterschiedliche literarische Freiheiten, erklärt Lüthy. Verblüffend fand der Rezensent die in den Beispielen Mulsows "krassen" Blasphemien verschiedener Bibel-Exegeten und andere gelehrte "Unanständigkeiten", die laut Mulsow auch eine Reaktion auf die "Pluralisierung von Weltbildern" darstellten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.06.2007
Höchst erfreut zeigt sich Rezensent Caspar Hirschi von Martin Mulsows Band mit Essays über die Underdogs der Gelehrtenkultur in der frühen Neuzeit. Die überaus kundige Vorstellung von "verstörend-faszinierenden Unbekannten" wie Adriaan Beverland, die sich mit ketzerischen oder obszönen Themen befassten und dafür vom offiziellen akademischen Betrieb geächtet wurden, hat ihn sehr beeindruckt. Er unterstreicht, dass es nicht in erster Linie um die Ausgrenzungspraxis frühneuzeitlicher Gelehrter oder die obszönen Pikanterien der "philologischen Libertins" geht, sondern um die "verschlungenen Wege", auf denen gelehrte Außenseiter doch noch Eingang in die europäische Gelehrtenkultur fanden. Bewundernd äußert sich Hirschi über die Art und Weise, wie Muslow hier an seine Theorie von der "Moderne aus dem Untergrund" anknüpft und seine teils kuriosen Protagonisten und Texte konsistent in eine komplexe Theorie einfügt. Mit Lob bedenkt er dabei die instruktive Kontextualiserung des Materials, die subtile Argumentation sowie die "sprachliche Präzision und Eleganz" der Darstellung. Auch wenn er hinter Mulsows Hauptthese, die Modernisierung der abendländischen Gelehrtenkultur sei von ihren Rändern her erfolgt, letztlich ein Fragezeichen setzt, hat er das Buch mit großem Gewinn gelesen.
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