Aus dem Französischen von Stephanie Singh. Über weite Strecken der Geschichte sind Frauen unsichtbar - erst recht in der Ur- und Frühgeschichte. Es sind Männer, die jagten, die Werkzeuge und Waffen erfanden, die Höhlenmalereien hinterließen und als Erfinder zivilisatorischer Errungenschaften gelten. Frauen, so das gängige Bild, hielten sich im Heim auf und damit: im Hintergrund. Marylène Patou-Mathis rückt dieses Bild gerade und zeigt: Es gibt keine Fakten, die diese Annahmen stützen. Neue archäologische Funde haben ergeben, dass prähistorische Frauen mitnichten das unterworfene Geschlecht waren, zu dem männliche Wissenschaftler der Neuzeit sie gemacht haben. Eine überfällige Analyse der weiblichen Unsichtbarkeit, die den Frauen zu ihrem rechtmäßigen Platz in der Geschichte verhilft.
Rezensentin Anne-Kathrin Weber lobt den zurückhaltenden, wissenschaftlichen Ton, mit dem die Ur- und Frühhistorikerin Marylene Patou-Mathis Erkenntnisse einer männlich geprägten Archäologie über Geschlechterverhältnisse in der frühesten Epoche menschlichen Zusammenlebens in Frage stellt. Ob Frauen im Paläolithikum jagen gingen oder das Skelett von Björkö aus dem Jahr 1880 wirklich ein Wikingerführer war und nicht doch vielleicht eine Frau, lässt sich laut Weber zwar kaum nachweisen, doch die männlich dominierten Tendenzen in der Forschung lassen sich erkennen. Wie die Autorin letztere einbindet in einen Abriss über Misogynie von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, findet die Rezensentin lehrreich und anregend, vielleicht auch für andere Disziplinen, so hofft Weber.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 02.12.2021
Schmissig findet Rezensentin Claudia Mäder die Urzeit-Geschichte von Marylene Patou-Mathis nicht gerade. Der Stil der Abhandlung ist nicht elegant, die Stoffanordnung konfus, schreibt die Rezensentin. Allerdings: Was die Urzeit-Historikerin über die urzeitliche Rollenverteilung und über den "männlichen Blick" ihrer Disziplin in der bürgerlichen Epoche herausfindet, liest sich für Mäder spannend und wegen der akribischen Quellenbehandlung (von Malereien, Statuen, Skeletten und Grabbeigaben) auch überzeugend. Wer etwa die vielen Venusfiguren oder die Höllenmalereien herstellte oder ob Frauen wie Männer auf die Jagd gingen, vermag die Autorin zwar nicht letztgültig zu beantworten, meint Mäder, doch ihre Belege weisen eben auch nicht auf eine "klassische" Rollenverteilung in den paläolithischen Gesellschaften hin.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.10.2021
Sehr interessiert folgt Rezensent Niklas Elsenbruch der französischen Frühhistorikerin Marylène Patou-Mathis, die hier der feministischen Geschichtsschreibung ein neues Forschungsfeld erschließt: Waren die steinzeitlichen Gesellschaften patriarchal organisiert? Haben die Frauen die Höhle gefegt? Oder haben sie vielmehr die berühmten Malereien von Lascaux angefertigt? Die Beweislage für diese Zeit ist generell "nicht erdrückend", wie Elsenbruch trocken einräumt. Dennoch kann ihm Patou-Mathis anhand von Knochenuntersuchungen aufzeigen, dass Frauen durchaus an der Jagd teilgenommen haben, robuste Körper hatten und über eine hohe soziale Stellung verfügten. Den dezidiert feministischen Ansatz der Historikerin nimmt der Rezensent gern hin, Einwände macht er nur geltend gegen die von Patou-Mathis postulierte Verbindung von Kraft und Status: Auch die Fürsorge hätte Frauen ja Anerkennung verschaffen können.
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