Im 17. und 18. Jahrhundert galt die Kavalierstour als adlige Erziehungsreise par excellence. Jahr für Jahr unternahmen zahlreiche junge Adelige und Patrizier aus den ersten Familien des Alten Reichs ausgedehnte Reisen, die sie vor allem nach Frankreich und Italien, oft aber auch nach England und in die Niederlande führten. Unterwegs sollten die jungen Männer ihr Verhalten und ihre Kenntnisse vervollkommnen und sich in perfekte Kavaliere verwandeln. Das Buch von Mathis Leibetseder nimmt den Leser mit auf Kavalierstour. Es erörtert die zentralen Aspekte dieser Reiseform: das familiäre Umfeld, die Finanzierung der Reisen, die Zusammensetzung des Gefolges (der Suiten), die Kontakte zu Persönlichkeiten im Ausland sowie die Folgen der Touren.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 29.06.2004
Die Kavalierstour stand lange in keinem guten Ruf. Es sei den Adelssprösslingen, die man auf Europareisen geschickt hat - so wollte es das Vorurteil - vor allem um "Wein, Weib und Würfel" zu tun gewesen. Diesen Eindruck will der Historiker Mathias Leibetseder mit seiner Studie, die auch gegen die Lesart der Kavalierstour als "Übergangsritus" argumentiert, entschieden zurecht rücken. An neun Fallstudien werden die durchaus unterschiedlichen Hintergründe der Touren erläutert und drei historische Phasen herausgearbeitet. So wurde die "Kavalierstour" in der Zeit Ludwigs XIV. zu einem "Mittel der Familienpolitik", während in der darauf folgenden letzten Phase die Grenzen zu Bildungsreise des höheren Bürgertums zu verschwimmen beginnen. Und in jedem Fall ging es dabei um Erziehung, so Leibetseder: zum richtigen Umgang mit dem Geld wie mit dem Wort. Der Rezensent Florian Welle findet diese Korrektur eines Vorurteils im Grunde zutreffend, glaubt aber, dass Leibetseder zuletzt doch über das Ziel hinaus schieße. Dass von "Wein, Weib und Würfel" nun gar nicht mehr die Rede sei, das erscheint ihm dann auch wieder ein etwas verzerrtes Bild.
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