Mats Wahl

Der Unsichtbare

(Ab 13 Jahre)
Cover: Der Unsichtbare
Carl Hanser Verlag, München 2001
ISBN 9783446200456
Gebunden, 192 Seiten, 12,78 EUR

Klappentext

Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Der junge Hilmer Eriksson ist verschwunden. Seine Familie und vor allem Ellen, Hilmers Freundin, sind verzweifelt. Kommissar Harald Fors stößt bei seinen Ermittlungen in Hilmers Schule auf eine Gruppe neonazistischer Jugendlicher, die schon des Öfteren unangenehm aufgefallen sind. Alle haben Angst vor ihnen. Selbst der Schuldirektor verschließt lieber die Augen und lässt die aufgesprayten Hakenkreuze überstreichen. Nur Hilmer hat es gewagt, einen ausländischen Mitschüler in Schutz zu nehmen. Ausgerechnet gegenüber Anneli, der Wortführerin der Gruppe. Das geschah kurz vor seinem Verschwinden. Hat Anneli etwas mit der Sache zu tun? Ein hochaktueller Kriminalfall über das Thema Fremdenfeindlichkeit, beeindruckend und aufrüttelnd erzählt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.11.2001

Jugendbuchautoren orientieren sich mehr und mehr an literarischen Standards der Belletristik, meint Rezensentin Gerda Wurzenberger - Identifikationsfiguren fielen wenn überhaupt, dann nur noch durch die Hintertür ins Haus der Jugendliteratur. Die Rezensentin stellt zwei Jugendromane vor, die ihrer Ansicht nach zwar eine Entwicklung im Sinne einer Aufklärung der Geschichte bieten, aber in beiden bleibe ein unbegreiflicher Restbestand, der sich nicht (im sozialkritischen Sinne) aufklären oder einfach erklären lasse.
1) Mats Wahl: "Der Unsichtbare"
Der Schwede Mats Wahl hat einen Krimi für Jugendliche geschrieben, was ja jetzt eigentlich alle tun (das gilt für die Kinder- wie Jugend- und Erwachsenenliteratur), der sich aber in der Form recht ungewöhnlich präsentiert, behaupet Wurzenberger. Die Erzählperspektive wechsele. Zu Anfang wird noch aus Sicht des vermissten Jungen berichtet, aber je mehr der ermittelnde Kommissar der Wahrheit und einer rechtsradikalen Jugendgruppe auf die Spur komme, desto mehr trübe sich der Sinn des vermissten Jungen, der im Sterben liege. Zu dessen Tod fallen dem Autor haufenweise sozialkritische Motive und "pseudoreligiöse Erklärungen" ein, meint Wurzenberger und lässt offen, inwiefern sie dieses Zugeständnis an tröstungsbedürftige Kinder und Jugendliche gelten lässt.
2) Bart Moeyaert: "Es ist die Liebe, die wir nicht begreifen"
Ein Kurzroman, der nach Wurzenberger ein Gefühl der Rätselhaftigkeit und Unvollständigkeit vermittelt. Angesiedelt ist er in einer nicht näher bezeichneten Umgebung und einer nicht näher bezeichneten Zeit - die 60er Jahre, vermutet die Rezensentin, und die Nationalität des Autors - er ist Holländer - könne zumindest einen geografischen Anhaltspunkt liefern. Im Mittelpunkt steht eine halbjugendliche Heldin mit ihren großen und kleinen Geschwistern, die alle unter der Vorliebe ihrer Mutter für unmögliche Männer leiden. Fazit: Erwachsenenliebe ist grausam und vor allem unberechenbar. Die vom Autor so eingesetzte Fremdheit scheint das Buch aus den Beschränkungen des Genres herausgelöst zu haben, schreibt Wurzenberger, das Rätselhafte wiederum weise darauf zurück. Auch eine recht rätselhafte Bemerkung, aber es ist doch spürbar, dass die Rezensentin von diesem Roman stark beeindruckt ist.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.11.2001

Die Geschichte über Neonazis in einer Kleinstadt, die einen Jungen, der sich für ein türkisches Kind einsetzt, brutal misshandeln und töten, hat sich schon oft zugetragen, sei es im Alltag, sei es in der Literatur. Und doch hat der schwedische Autor Mats Wahl dieser "Banalität des Bösen" einen neuen und besonderen Aspekt hinzugefügt, schreibt Siggi Seuß. Der ermordete Hilmer meldet sich zu Wort und hält den Schrecken so lebendig. Während Kommissar Fors ein Geflecht aus Geschäftsinteressen, Ignoranz, Bequemlichkeit und Feigheit in der schwedischen Kleinstadt aufdeckt, berichtet der Neuntklässler von seiner Not, seinem Leiden, seinen Hoffnungen und seinen Wünschen, die er ob seines gewaltsamen Todes nicht mehr ausleben kann. Die eigenwillige Dramaturgie aus realistischen und transzendenten Elementen verstört, meint die Rezensentin, bietet aber einen Jugendkrimi, der mehr als das ist: Es geht um den Nährboden, auf dem die Gewalt gedeihen kann und um die Stimmen der Opfer, die immer am schnellsten verhallen.

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