Michael Köhlmeier

Die Verdorbenen

Roman
Cover: Die Verdorbenen
Carl Hanser Verlag, München 2025
ISBN 9783446282506
Gebunden, 160 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Was entsteht aus Liebe, Besessenheit und Schuld? Anfang der Siebziger kommt Johann zum Studieren in die Stadt, den Kopf voll wirrer Träume. Er trifft Christiane und Tommi, die ein Paar sind und ihn in ihre Mitte nehmen. Gemeinsam erkunden sie die hellen und die dunklen Seiten der Liebe, gefangen in einem Dreieck, das sich immer enger zuzieht. Als Johann ein Kind war, fragte sein Vater, ob er einen Wunsch im Leben habe. Und Johann hatte sich nicht getraut zu antworten: "Einmal im Leben möchte ich einen Mann töten."

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.03.2025

Rezensentin Enno Stahl findet allerhand Erstaunliches an Michael Köhlmeiers neuem Roman. Als raffinierter Erzähler erweist sich der Autor laut Stahl einmal mehr, indem er eine Studie über das Böse vorlegt, in der das Böse keinerlei Faszination besitzt, sondern eher als Folge der Langeweile erscheint. Die Geschichte des Helden, eines verquälten, doch ansonsten recht eigenschaftslosen Marburger Studenten, erzählt Köhlmeier mit autobiografischem Hintergrund, anspielungsreich und ironisch. Dass ausgerechnet dieser farblose Geselle schließlich einen Totschlag begeht und einen Mord auf sich nimmt, findet Stahl bemerkenswert. Für ihn wie  eine Nouvelle-Vague-Film, in dem die Figuren nie das tun, was man erwartet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2025

Rezensent Joseph Hanimann erkennt in Michael Köhlmeiers neuem Roman keinen Generationenroman, sondern eine autobiografisch grundierte Studie in Szenenskizzen über einen Unschlüssigen im Marburg der 1970er. Wie sich der Student Johann im Unentschiedenen einrichtet, bis er schließlich einen Mord begeht, beschreibt Köhlmeier laut Hanimann "souverän" und mit viel Feinsinn für das "moralische Unvermögen" der Figur. Auch wenn die ein oder andere Anspielung sich Hanimann nicht erschließt, die kunstvoll distanzierte Erzählweise und die feine Nuancierung des Charakters haben ihn beeindruckt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.02.2025

Rezensentin Judith von Sternburg folgt dem Helden in Michael Köhlmeiers Roman mit Interesse. Das liegt am Marburger Studenten-Habitat, aber auch an Köhlmeiers sprödem Ton, der die Geschichte ebenso erdet wie die Ödnis des akademischen Biotops, wie Sternburg findet. In sich hat es das kleine Buch um die Ichwerdung des Erzählers laut Rezensentin einiger "krasser Szenen" und Eskalationen wegen. Die losen Enden des Romans sind raffiniert gelegt. "Ein böses kleines Buch", resümiert Sternburg wird den Verdacht nicht los, dass der Leser lesend auch der Geburt des unheimlichen Schriftstellers Köhlmeier beiwohnt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.02.2025

Rezensent Jens Jessen ergötzt sich an Michael Köhlmeiers kleinem Roman. Oder ist es eine Novelle? Wie der Autor die Strukturgläbigkeit der 1970er auf die Schippe nimmt, indem er seinen Protagonisten, einen Provinzler an der Uni Marburg, von einem Zufall in den nächsten schleudert, findet Jessen toll und spannend. In kurzen Sätzen beschreibt der Autor laut Jessen nicht nur die sexuelle Libertinage der Zeit und des Studentenmilieus als "enthemmte Heuchelei", sondern baut auch ein "Raskolnikow-Motiv" in die Story ein. Köhlmeier steht damit quer zu optimistischen geschichtstheoretischen Ideologien, meint Jessen. Sein Held erlebt eher die "Befreiung zum Bösen", so der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 07.02.2025

Eine skurrile Geschichte über das sinnlose Böse, genauer gesagt: ein 160-Seiten Roman über eine krude Dreiecksbeziehung ohne Liebe, ohne Leidenschaft, aber: aufgebaut auf dem grundlegenden Wunsch, "einmal einen Mann zu töten" - meisterhaft erzählt, ohne Spannung und ohne Begründungen oder Erklärungen, lautet das Urteil von Rezensentin Liane von Billerbeck, die einräumt, dass man beim Lesen hin und wieder verzweifeln mag. Denn alles, was hier geschieht, scheint völlig grund- und ambitionslos zu geschehen - wäre da nicht dieser Wunsch, so Billerbeck, den der Erzähler einmal als Sechsjähriger äußert: der Wunsch, zu töten, der den Geschehnissen zwar keinen Grund, aber eine Direktive gibt. Aber auch dieser Wunsch hat keinen nachvollziehbaren Ursprung. Aber so ist es eben, das Böse, mit dem Köhlmeier sich in seinen Texten immer wieder befasst, weiß die Rezensentin: Es ist einfach da. Und gerade in der Beschreibung dieser bloßen, grundlosen Existenz, dieser "unglaublichen Leere, der stillen Gewalt" ist Köhlmeier ein Meister, so die Rezensentin.

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