Bücherbrief

Traumhafte Nebel

07.04.2025. Die Leipziger Buchmesse liegt hinter uns und hinterlässt einen reichhaltigen Lektüre-Frühling. Wie immer haben wir nicht nur die meistbesprochenen Bücher für Sie herausgesucht, sondern auch die ganz besonderen Früchte geerntet: eine unheimliche Geschichte von Tarjei Vesaas zum Beispiel. Oder Oliver Lovrenskis Debütroman über die migrantische Community Oslos. Mit viel Witz und subtiler Raffinesse erzählt Christine Wunnicke die Liebesgeschichte zwischen der Wachsbildnerin Marie Bihéron und der Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte im Paris des 18. Jahrhunderts. Carlo Masala malt aus, was passiert, wenn Russland den Krieg gewinnt, und Amitav Ghosh beleuchtet mit dem Opiumhandel eines der größten Kolonialverbrechen der Geschichte. Dies alles und mehr in den besten Büchern des April.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Notizen zu den Literaturbeilagen des Frühjahrs, Marie Luise Knotts Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders Kolumne "Vorworte" und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Tarjei Vesaas
Frühlingsnacht
Roman
Guggolz Verlag. 240 Seiten. 25 Euro

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Als der Guggolz-Verlag den 1897 geborenen norwegischen Autor Tarjei Vesaas im Jahr 2019 mit "Das Eis-Schloss" (bestellen) auf den deutschsprachigen Markt brachte, wusste FAZ-Rezensent Matthias Hanneman sofort, dass der kurze Roman "zu den schönsten Büchern gehören wird, die ihm je auf den Tisch gelegt wurden". Auch Vesaas neuen Roman "Frühlingsnacht", eine unheimliche Geschichte um ein Geschwisterpaar und wie immer "meisterhaft" übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, empfiehlt Rainer Moritz in der NZZ wärmstens. Der 14-jährige Hallstein und seine ältere Schwester Sissel sind allein zu Hause, als nach einer Autopanne plötzlich eine Familie im Haus der Geschwister auftaucht, darunter ein Mädchen, das Hallstein aus seinen Träumen zu kennen meint. Was dann geschieht, verraten die Rezensenten nicht. Nur so viel: Jemand stirbt, jemand wird geboren. Wie Vesaas mit reduzierten Mitteln eine unheimliche Atmosphäre schafft und dabei Schuld und Angst als eine Art "magischen, traumhaften Nebel" über das Geschehen legt, findet Moritz einfach bewundernswert. Auch FAS-Rezensentin Bettina Hartz spürt den Schwingungen der Protagonisten nach: "Der fließende Übergang von der Wahrnehmung über die Bewusstwerdung bis hin zum Erleben als innerer Erfahrung, die mitgeteilt werden will, ist Vesaas' Schreibspur", der Hartz völlig gebannt folgt.

Oliver Lovrenski
bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann
Roman
Hanser Berlin. 256 Seiten. 22 Euro

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Wie kann es sein, dass anscheinend jeder zweite Norweger ein namhafter Autor ist, fragen sich SZ und taz angesichts der Literatur, die das Gastland der diesjährigen Leipziger Buchmesse präsentierte. Liegt's an der Einsamkeit der Fjorde oder doch an der üppigen Literaturförderung? (Unser Resümee) Eine schöne Auswahl feinster norwegischer Literatur finden Sie hier. Und schon steht mit Oliver Lovrenski der nächste begabte Norweger in den Startlöchern, der gerade 19 Jahre alt war, als vor drei Jahren sein Debütroman erschien. Auch die deutschen Kritiker werden weggefegt von der Geschichte um vier Jungs mit unterschiedlichem Migrationshintergrund, die in den sozial prekären Außenbezirken Oslos aufwachsen, Schule schwänzen, Drogen verticken und auch vor Gewalt nicht haltmachen. Dieser Roman "knallt", versichert Welt-Rezensentin Eva Biringer - und zwar in mehrerlei Hinsicht: Der norwegische Schriftsteller mit polnisch-kroatischen Wurzeln konfrontiert seine Leser mit der Realität in den migrantischen Community Norwegens, erzählt aber zugleich von den manchmal erstaunlich bürgerlichen Werten, mit denen die Jungs ihre Wahlfamilie beisammen halten. Und erst die Sprache! Sie ist drastisch und doch poetisch, mixt Slang mit arabischen, somalischen und englischen Wörtern und wurde von Karoline Hippe geradezu kongenial übersetzt, lobt die Rezensentin. David Hugendick, der sich für die Zeit mit Lovrenski getroffen hat, gefiel vor allem, dass der Roman ganz ohne Pädagogik oder "coole Ästhetik" auskommt. Für den SWR hat sich Kristine Harthauer mit dem Autor unterhalten.

Annett Gröschner
Schwebende Lasten
Roman
C.H. Beck Verlag. 282 Seiten. 26 Euro

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"Dies ist die Geschichte der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause, die zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt hat, die bis auf ein paar Monate im Berlin der frühen 1930er Jahre nie aus Magdeburg herauskam, sechs Kinder geboren hat und zwei davon nicht begraben konnte, was ihr naheging bis zum Lebensende." So beginnt Annett Gröschners Roman, den FAZ-Rezensentin Lerke von Saalfeld wunderbar facettenreich findet. Wie Hanna die Kriege, den Nationalsozialismus und die DDR durchlebt, ist hart, liest sich aber für Saalfeld wahnsinnig charmant. Gröschners großes Talent für "hellhörige Beobachtungen" fällt ihr erneut auf. Auch Marc Reichwein lobt in der Welt die "Tiefenschärfe" von Gröschners Beobachtungen auf. Und sie hat einen ausgeprägten Sinn für Details, bemerkt im Dlf Michael Eggers. Das erzeuge eine unglaublich lebendige Wirkung, "weil die Erinnerung etwas braucht, an das sie sich knüpft", erklärt er. Wegen der vielen Neuerscheinungen im März sei noch kurz auf drei weitere deutschsprachige Romane hingewiesen: Michael Köhlmeier blickt in seinem "bösen kleinen" und durchgängig gut besprochenen Buch "Die Verdorbenen" zurück auf Marburg in den Siebzigern, wo ein Student ohne Eigenschaften eine "Befreiung zum Bösen" erlebt, wie ein hingerissener Jens Jessen in der Zeit schreibt. Kristine Bilkaus Roman "Halbinsel", ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, von den Kritikern aber nicht ganz so gut aufgenommen, erzählt eine von Achtsamkeit geprägte Mutter-Tochter-Geschichte, die Menopause, Umweltschutz und Sex in den Blick nimmt. Und wer es lieber härter mag, dem sei Helene Hegemanns "Striker" empfohlen, ein "trockener, harter und witziger" Berlinroman, so Paul Jandl in der NZZ, mit einer Martial-Arts-Kämpferin als Ich-Erzählering, in deren Leben sich eine obdachlose Frau drängt.

Chimamanda Ngozi Adichie
Dream Count
Roman
S. Fischer Verlag. 528 Seiten. 28 Euro

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Taiye Selasi prägte 2013 mit ihrem Romans "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" den Begriff der "Afropolitans". Gemeint waren damit jene wohlhabenden Afrikaner - oder Menschen mit Wurzeln in Afrika - die in Amerika, England oder Paris studiert haben und auf der ganzen Welt zu Hause sind. Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, die selbst aus einem Akademikerhaushalt kommt und Kommunikationswissenschaften in den USA studierte, wo sie heute lebt, erzählt in ihrem neuen Roman von drei Frauen aus genau diesem Milieu: Sie haben Affären, führen ein Jet-Set-Leben und kämpfen um Selbstbestimmung in ihrem Verhältnis zu Männern und Müttern. Die vierte Protagonistin, die Hausangestellte, hat freilich andere Probleme, sie wird vergewaltigt. Für Hannah Lühmann (Welt) hat Adichie "Weltliteratur" geschrieben, weil sie dem männlichen weißen Blick eine schwarze weibliche Perspektive entgegensetzt. Andere Kritiken sind weniger positiv: Hubert Spiegel (FAZ) missfällt der pathetische Stil, Ronald Dücker (Zeit) versteht nicht ganz, warum Männer so eine wichtige Rolle im Leben dieser Frauen spielen. Adichie pflegt eben einen "internationalen Style" verteidigt Dirk Knipphals in der taz den Roman. "Sex and the City"-Kontroversen stünden hier neben traditionellen Rollenmustern, was Knipphals an die "Identitätsdramen jüdischer Intellektueller" wie Philip Roth erinnert. Insgesamt war das Interesse sehr groß: kaum ein anderer Roman in der Perlentaucher-Buchdatenbank hat zehn Rezensionsnotizen.

Christine Wunnicke
Wachs
Roman
Berenberg Verlag. 176 Seiten.  24,00 Euro

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Eigentlich erstaunlich, dass niemand bei unserer Kritikerumfrage zum Perlentaucher-Jubiläum Christine Wunnicke genannt hat, wird doch jeder ihrer Romane mit Lobeshymnen bedacht. So auch der aktuelle, über den etwa Dlf-Kultur-Rezensent Maximilian Mengeringhaus jubelt: "Näher an der Makellosigkeit zu schreiben" als Wunnicke sei nur schwer möglich. Was macht den Roman so besonders? Zunächst die Tatsache, dass Wunnicke zwei historisch verbürgte Figuren aus dem Paris des 18. Jahrhunderts aufeinandertreffen lässt, über die nicht allzu viel bekannt ist und denen sie eine Liebesgeschichte andichtet: Es handelt sich um die Künstlerin Marie Bihéron, die anatomisch korrekte Wachspräparate des menschlichen Körpers anfertigte, und die ältere, bildschöne Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte. FAZ-Rezensent Tilman Spreckelsen bewundert die frühreife, "durchaus manipulativen" Wachsbildnerin, die schon im zarten Kindesalter Leichen sezierte. Erstaunlich findet er außerdem, mit wieviel Witz und subtiler Raffinesse Wunnicke Literatur und Kunst des 18. Jahrhunderts einbezieht und verschiedene Naturauffassungen und Menschenbilder einander "beleuchten lässt". Nie belehrend, stets elegant, meint er. Wie "ideenüberschäumend" die Autorin die Leerstellen der Biografien mit kuriosen Details und wissenschaftlichen Exkursen füllt, bewundert auch Maximilian Mengeringhaus.

Christian Kracht
Air
Roman
Kiepenheuer und Witsch Verlag. 224 Seiten. 25 Euro

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Den Leipziger Buchpreis gab's nicht für Christian Kracht, überwiegend angetane Kritiken hingegen schon. Leicht zu resümieren ist die Handlung seines neuen Romans allerdings nicht, so glaubt auch die SZ-Kritikerin Marie Schmidt, dass Kracht-Fans und Feinde viel mit der Exegese des Textes zu tun haben werden: Zunächst folgen wir dem in Schottland lebenden Innenarchitekten Paul, der von Cohen, dem Verleger der Design-Zeitschrift Küki nach Norwegen eingeladen wird, um dort einem Datenzentrum das perfekte Weiß zu verleihen. Während Paul aufgrund einer Sonneneruption in eine archaisch-mittelalterliche Welt katapultiert wird und an der Seite der Waisin Ildr vor einem bösen Herzog in eine Eislandschaft flieht, versucht sich Cohen das Leben zu nehmen - und stößt schließlich zu den Wanderern. Die Kritiker versuchen sich an verschiedenen Deutungsversuchen: Jan Drees (Dlf) macht Verweise auf Mythologie, Yeats, Wittgenstein und KI aus, Jan Küveler (Welt) liest einen fantastischen Abgesang auf die Postmoderne und Nadine Brügger (NZZ) erkennt Bezüge zu so verschiedenen Autoren wie Martin Suter und Astrid Lindgren. Ein bisschen überstrapaziert findet sie das Spiel mit Deutungsmöglichkeiten langsam aber doch, während Moritz Basler in der taz das Experimentelle des Romans lobt. Richtig genervt ist nur der FAS-Rezensent Tobias Rüther: Wenn man keine Lust hat, möglichst allen literarischen und diskursiven Anspielungen auf die Spur zu kommen, bleibt wenig übrig, schimpft er.


Sachbuch

Carlo Masala
Wenn Russland gewinnt
Ein Szenario
C.H. Beck Verlag. 116 Seiten. 15 Euro

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Carlo Masala ist einer der am häufigsten befragten Experten für den Krieg Russlands gegen die Ukraine - schon frühzeitig hatte der Professor an der Bundeswehr-Hochschule in München vor Russlands zerstörerischen Ambitionen gewarnt. Allen "Friedensfreunden", die den Krieg gern einfrieren würden und Russland die bereits besetzten Territorien überlassen möchten, malt Masala nun ein Szenario aus, das die Konsequenzen eines Sieges Russlands auch für den Rest Europas ausmalt. Schon in der Zeit hatte er das vor anderthalb Jahren zusammen mit Nico Lange dargelegt: Für die Ukraine selbst sagt er einen Partisanenkrieg voraus. Für Europa eine Flüchtlingswelle und eine dauerhafte Destabilisierung. "Auch eine rasche Entwicklung und Einsatzbereitschaft ukrainischer Atomwaffen würde wahrscheinlicher. Europa würde auf Jahre von einem beidseitig atomar bewaffneten Dauerkonflikt dominiert." Viel Vergnügen in der Postapokalypse! Wer will, kann zuhören, wie Masala sein Szenario im Podcast mit Paul Ronzheimer ausmalt. Oder er kauft das Buch: Der Westen muss erkennen, dass es Russland nicht nur um die Ukraine, sondern um eine neue Weltordnung geht, schreibt FAZ-Rezensent Oliver Kühn in einer sehr positiven Kritik.

Felix Lee, Finn Mayer-Kuckuk
China
Auswege aus einem Dilemma
Ch. Links Verlag. 256 Seiten. 22 Euro

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Wer im aktuellen weltpolitischen Tumult den Überblick behalten will, muss sich nicht nur mit Russland, den USA oder Europa befassen, sondern vor allem auch mit China. Zwei neue Bücher helfen dabei. Das eine gibt einen kritischen Überblick über die Aktualität, das andere beleuchtet die Beziehungen zwischen China und Russland. Felix Lee und Finn Mayer-Kuckuk fassen das Thema in "China - Auswege aus einem Dilemma" journalistisch an. Aus Anekdoten aus den goldenen Jahren deutscher Autobauer in China wird die Überheblichkeit der Deutschen deutlich, lobt da etwa die Dlf-Rezensentin Carolin Born. Auch über die Lage der Sinologie, die sich gern von China einwickeln lässt, erfährt man einiges, ergänzt Christine Hoffmann in der FR. Vertiefen kann man die Lektüre in Sören Urbanskys und Martin Wagners "China und Russland - Kurze Geschichte einer langen Beziehung" (bestellen). Es ist nicht gerade so, dass diese Länder die gleichen Interessen hätten, gerade zu Zeiten des Kalten Kriegs sind sie auch aneinander geraten. Die letzten vierhundert Jahre einer komplizierten Beziehung werden hier auch für Nichtfachleute  gut lesbar und mit exakt erarbeiteten Argumenten ausgebreitet, lobt der in der SZ rezensierende Historiker Stefan Messingschlager.

Adam Kirsch
Siedlerkolonialismus
Ideologie, Gewalt und Gerechtigkeit
Edition Tiamat. 200 Seiten. 24 Euro

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Während in Gaza der Krieg Israels gegen die Hamas tobt, verhärten sich im Rest der Welt die Fronten im ideologischen Kampf. Eines der neuen Schlagwörter ist der sogenannte "Siedlerkolonialismus", der Israel von links vorgeworfen wird. Dass damit nicht mehr nur die israelischen Siedlungen im Westjordanland gemeint sind, sondern antizionistische und antisemitische Strömungen ihn sehr viel weiter fassen, zeigt der amerikanische Literaturkritiker und Essayist Adam Kirsch in seinem neuen Buch. Kirsch plädiert deshalb auch dafür, "Siedlerkolonialismus" nicht als "historischen Begriff", sondern als "Ideologie" zu verstehen, die die gleichen Fehler begehe wie andere radikale Ideologien. In der FAZ ist Philipp Lenhard beeindruckt, wie Kirsch die "Siedlerkolonialismus-Ideologie" (kurz SKI) seziert und zeigt, wie der Begriff umgedeutet wurde, sodass nicht mehr nur die Gründer, sondern auch die heutigen Bewohner Israels als Siedler gelten. Auch Joshua A. Brook lobt im britischen Journal fathom (mehr hier) Kirschs "gelehrte und eloquente" Analyse eines "giftigen" Denkens. Interessant findet Brook vor allem Kirschs Argument, "dass SKI unheimliche Ähnlichkeiten mit dem Calvinismus (ironischerweise der Religion der Puritaner, d. h. der ursprünglichen Siedlerkolonialisten) aufweist". Kolonisierung werde hier "zu einer Erbsünde, die über Generationen weitergegeben wird und die wir niemals aus eigener Kraft überwinden" können. Nur das "Bekennen unserer Sünde" könne einen Schritt in Richtung "Erlösung" darstellen - was im Falle Israels auf eine radikale "Entkolonialisierung" und damit die Zerstörung des Staates hinauslaufen würde.

Sunil Amrith
Brennende Erde
Eine Geschichte der letzen 500 Jahre
C.H. Beck Verlag. 505 Seiten. 34 Euro

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Der Historiker Sunil Amrith macht keine halben Sachen: Eine Globalgeschichte über fünfhundert Jahre Klimawandel legt er mit seinem neuen Buch vor. FAZ-Kritikerin Petra Ahne findet diese "Industrialisierungs-, Kriegs- und Weltgeschichte" so spannend, dass sie sie gar nicht aus der Hand legen möchte: Durch die Jahrhunderte führt Amrith von der Eroberung Amerikas zum portugiesischen Silberbergbau in Peru, von der Industrialisierung in England zur Öllobby der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts, um nur einige Stationen zu nennen. Wie die Menschheit in den letzten fünfhundert Jahren durch die Naturbeherrschung mehr und mehr ihre eigenen Lebensgrundlage zerstörte, zeigt Amrith der Kritikerin an einer überbordenden Fülle sehr origineller Beispiele, die außerdem zeigen, dass die Versprechen der Modernisierungsbefürworter meistens nur im westlichen Teil der Welt aufgingen. Besonders spannend findet Ahne, wie Amrith die Perspektiven von Hannah Arendt, Indira Ghandi und Rachel Carson in Bezug auf Umweltthemen zusammendenkt. Lösungen bleibt Amrith allerdings weitgehend schuldig - für die Kritikerin aber nur ein kleiner Wermutstropfen in einem insgesamt sehr gelungenen Buch.

Amitav Ghosh
Rauch und Asche
Die geheime Geschichte des Opiums
Matthes und Seitz. 432 Seiten. 28 Euro

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Eines der größten Kolonialverbrechen der Geschichte, das wahrscheinlich Zehntausende Menschen das Leben kostete und ein Weltreich - China- zum Einsturz brachte, spielt in der öffentlichen Wahrnehmung, auch in der postkolonialen so scheint es, immer noch eine geringe Rolle. Ausgerechnet der Romancier Amitav Ghosh legt jetzt einen Essay über den Opiumhandel vor, mit dem die britischen und später französischen, niederländischen und deutschen Kolonialherren China im wahrsten Sinn des Wortes abhängig machten. Die Rezensenten von Dlf Kultur und Welt sind gefesselt, wie Ghosh seine eigene Familiengeschichte und die Interaktion zwischen Indien, wo das Opium zunächst angebaut wurde, und China thematisiert. Vor allem eher verborgene Aspekte dieser Geschichte kommen im Buch ans Licht, erläutert Susanne Billig bei Dlf Kultur. So die Versuche der Briten, ihre Beteiligung am Drogenhandel zu verschleiern. Dass Ghosh trotz des düsteren Themas mit einer optimistischen Note endet, gefällt ihr auch. Im Interview mit Rashmi Vasudeva, von der südindischen Zeitung Deccan Herald spricht Ghosh über die kulturellen Beziehungen (oder Nicht-Beziehungen) zwischen Indien und China und über die Rolle von Pflanzen wie Opium und Tee darin.

Volker Reinhardt
Esprit und Leidenschaft
Kulturgeschichte Frankreichs
C.H. Beck Verlag. 656 Seiten. 38 Euro

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Außer vielleicht Herfried Münkler, der aktuell in "Macht im Umbruch" (bestellen) über Deutschlands Rolle in Europa nachdenkt, gibt es sicher keinen Autor in der Perlentaucher-Datenbank, der mehr Bücher veröffentlicht hat als Volker Reinhardt: 26 Bücher sind bei uns seit 2000 verzeichnet. Und nicht die dünnsten: Seine neue Kulturgeschichte Frankreichs hat 650 Seiten. Liest man den Klappentext des Buchs - "Die Leichtigkeit des genussvollen Lebens - 'wie Gott in Frankreich' - und klare Vernunft" - klingt es ein bisschen, als sei es doch sehr stark ein Blick von außen, der hier auf "La douce France" geworfen würde. Aber was soll's. Die Kritiker lieben's: Und die Kombination aus cartesianischer Logik, gestutzten Barock-Gärten, Dreyfus-Affäre und Haute Couture, die Reinhardt hier vom schweizerischen Fribourg aus besingt, hat ja tatsächlich ihre Anziehungskraft. Lena Bopp lobt das Buch in der FAZ als gut lesbar und übersichtlich. Es ist eine wunderbare Einführung in Frankreichs Esprit, versichert sie. NZZ-Rezensent Clemens Klünemann sieht es ähnlich.

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