Michael Töteberg, Alexandra Vasa

Ich gehe in ein anderes Blau

Rolf Dieter Brinkmann − eine Biografie
Cover: Ich gehe in ein anderes Blau
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
ISBN 9783498003920
Gebunden, 400 Seiten, 35,00 EUR

Klappentext

Mit Abbildungen. Rolf Dieter Brinkmann war das Enfant terrible der deutschen Literatur, heute ist er geradezu Kult. Und doch hat sich bisher niemand daran gewagt, dieses rastlose, viel zu kurze Leben in einer Biografie zu vergegenwärtigen − wie es Michael Töteberg und Alexandra Vasa hier tun: von den frühen Jahren im kleinbürgerlich-katholischen Vechta bis zur Zeit in Köln, wo Brinkmann das Beben der 68er-Revolte erlebt und Gedichte schreibt, die wie ein Faustschlag in die deutsche Poesie knallen; von seinem Aufenthalt in der Villa Massimo, aus dem das unerhört wütende Italien-Buch "Rom, Blicke" hervorgegangen ist, und mehreren Reisen in die USA bis zum Opus magnum "Westwärts 1 & 2" und zu Brinkmanns Unfalltod 1975 in London. Die Literaturwissenschaftler Michael Töteberg und Alexandra Vasa konnten erstmals Einsicht nehmen in den bislang unter Verschluss gehaltenen Nachlass, unveröffentlichte literarische Werke und Briefe auswerten. Aus Gesprächen mit Zeitzeugen und engen Freunden Brinkmanns entsteht ein Bild seiner Persönlichkeit.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.04.2025

Rezensent Willi Winkler bedauert, dass es einen wie Rolf Dieter Brinkmann heute nicht mehr im Literaturbetrieb geben könnte: Einen "proletarischen" Dichter, so wild wie arrogant und unverschämt, der mitunter auch "saudumme Sprüche über Frauen" machte. Ganz nahe kommt der Kritiker Brinkmann allerdings noch einmal dank der Biografie von Michael Töteberg und Alexandra Vasa, für die die beiden Autoren sorgfältig recherchiert haben. Winkler reist hier zurück ins vergangene Jahrhundert, erlebt, wie der gerade 16 gewordene Niedersachse in den Fünfzigern Gottfried Benn sein Lob über dessen Gedicht "Fragmente" brieflich mitteilte, die Schule abbrach und als Buchhandelslehrling in Essen Suhrkamp-Lieferungen am Geruch von Rowohlt-Lieferungen unterscheiden konnte und ab den 1960ern im Literaturbetrieb Furore machte, bis er 1975 in London von einem Auto erfasst wurde. 

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.04.2025

Rezensent Paul Jandl freut sich über die Gelegenheit, anlässlich dieser Biografie Rolf Dieter Brinkmanns noch einmal über diesen Wilden der deutschen Literatur nachzudenken. Michael Töteberg und Alexandra Vasa zeigen ungeschönt die Bruchstellen in Brinkmanns Leben auf, zudem verdankt der Kritiker den Autoren zahlreiche Anekdoten aus Brinkmanns Lebens sowie ein paar Gedanken zu dessen Gedichten. So erfährt Jandl über Brinkmanns Zeit in Rom sowie über die Fehden des Dichters mit Kollegen aus dem Literaturbetrieb. Jandl gefällt, dass die Biografie eine Verbindung zieht zwischen Brinkmanns Werk und dessen Wut auf die Welt, was vielleicht auch zu dem letztlich recht wenig glamourösen Leben passt, das der Dichter in Vechta und Köln führte, mutmaßt der Rezensent. Alle, die sich für Brinkmann interessieren, scheinen hier auf ihre Kosten zu kommen, entnehmen wir der Kritik.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.04.2025

Michael Töteberg und Alexandra Vasa legen hier eine neue Biographie von Rolf Dieter Brinkmann vor, die laut Rezensent Helmut Böttiger einige neue Erkenntnisse bringt, aber noch nicht das finale Wort zu diesem Dichter sein dürfte. Entlang der Lektüre erzählt Böttiger das Leben des Literaten nach, von der kleinbürgerlichen Kindheit in Niedersachsen über den Umzug nach Köln und die literarische Schnellkarriere, die Faszination für Rockmusik, die Distanz zu den politischen Aktionen der Achtundsechziger. Besonders Brinkmanns Wildheit wird in diesem Buch gewürdigt, findet der Rezensent, seine weicheren Seiten kommen eventuell etwas zu kurz. Erschlossen wurde dieses Leben, das früh im Zeichen des Schreibens stand, durch einige neue Quellen, wie etwa eine Korrespondenz Brinkmanns mit dem Künstler Henning John von Freyend, so Böttiger. Wertungsfreudig ist dieses Buch nicht allzu sehr, stellt der Rezensent klar, die Texte Brinkmanns behalten für ihn ihr Geheimnis.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025

Fünfzig Jahre nach Brinkmanns Tod, parallel zu einer Neuauflage seines Lyrikbandes "Westwärts 1 & 2" erscheint eine weit "größere Neuheit", so Rezensent Christian Metz: eine Brinkmann-Biografie, die einiges wagt und der fast alles gelingt. Besonders ist "Ich gehe in ein anderes Blau" in zweierlei Weise, erkennt Metz: Zunächst einmal konnten Michael Töteberg und Alexandra Vasa für ihre Erzählung auf einige Briefwechsel zugreifen, die bisher nicht zugänglich waren. Aus diesen Briefen und weiteren Quellen kreiert das Autor-Duo ein Bild, das den Dichter auf eine Weise zeigt, wie man ihm bisher nicht begegnet ist, so Metz. Die zweite Besonderheit ist die mutige Zurückhaltung bei der Kommentierung und das große Geschick, mit dem Vorgefundenes kompiliert wird. Gerade aufgrund dieser Zurückhaltung fallen einige wenige gewagte Bemerkungen umso mehr auf, findet der Rezensent. Doch diese seien nur winzige Wermutstropfen in dieser großartigen biografischen Erzählung, so der beeindruckte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 15.02.2025

Rezensent Helmut Böttiger bespricht in seiner Doppelkritik zwei Brinkmann-Bücher, die nun 50 Jahre nach dessen Tod erscheinen: Eine erweiterte Neuausgabe seines berühmten, ursprünglich 1975 erschienenen Gedichtbands "Westwärts 1 & 2", für die der Herausgeber Michael Töteberg nochmals 27 neue Gedichte ausgegraben hat und "minuziös" die komplizierte Entstehungsgeschichte nachzeichnet. Für den Kritiker sind das aber eher "spezielle" Philologen-Probleme; deutlich wichtiger für die Forschung scheint ihm die ebenfalls von Töteberg in Zusammenarbeit mit Alexandra Vasa herausgegebene Brinkmann-Biografie "Ich gehe in ein anderes Blau". Denn hier wird das Leben des Dichters grundlegend und materialreich aufgearbeitet, lobt Böttiger. So liest er gespannt von Brinkmanns aufmüpfiger, teils beleidigender Art, von seiner Beeinflussung durch amerikanische Popliteratur, aber auch seinem Ideal des Dichter-Genies, und ebenso vom schwierigen Verhältnis zu seiner Frau und seinem behinderten Sohn. Besonders imponiert dem Kritiker dabei, wie Töteberg und Vasa sich einerseits mit Urteilen zurückhalten, meist einfach das Material sprechen lassen, aber gleichzeitig doch eindeutig einem Brinkmann-Kult entgegenarbeiten. Wie hier auch Versäumnisse des Dichters herausgearbeitet werden, findet Böttiger "erhellend" - und staunt nur umso mehr, dass selbst diese überzeugende Dekonstruktionsarbeit der "geheimnisvollen" Wirkmacht der "Westwärts 1 & 2"-Gedichte keinen Abbruch tut.

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