Michael Wildenhain

Das Singen der Sirenen

Roman
Cover: Das Singen der Sirenen
Klett-Cotta Verlag, Suttgart 2017
ISBN 9783608983043
Gebunden, 320 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Als der deutsche Frankenstein-Experte Jörg Krippen auf dem Campus seiner neuen Londoner Universität umherirrt, hilft ihm die junge Stammzellenforscherin Mae sich zu orientieren. Die Begegnung wirkt zufällig, tatsächlich hat sie diese bewusst provoziert. Kurz darauf führt Mae ein Wiedersehen herbei, um eine Affäre mit dem deutlich älteren Mann zu beginnen. Zugleich scheint sie sonderbar viel über ihn zu wissen. Im Londoner East End hat niemand auf den Literaturwissenschaftler Jörg Krippen aus Berlin gewartet. Die Kleidung vom Nieselregen durchweicht sucht er nach einer Klingel, als eine junge Frau indischer Abstammung ihn anspricht: "You look so lost". Sie selbst ist in Brixton aufgewachsen und forscht im Bereich neuer Reproduktionstechnologien. Krippen verliebt sich rasch und heftig - und belügt sie, was seine Familie und seine linke politische Vergangenheit betrifft. Auch sie ist nicht ehrlich und verschweigt, dass sie vor Jahren als Austauschschülerin in Berlin war. Es entspannt sich eine leidenschaftliche Liebesgeschichte, wie sie beide in der Intensität zuvor nicht erlebt haben. Doch ihre ungewöhnliche Liebe wirft Fragen nach dem Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaft auf.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.01.2018

Was haben Liebe und Fortpflanzung miteinander zu tun? Immer wieder fragt sich Jörg Krippen, der Protagonist in Michael Wildenhains neuem Roman, diese ewige alte Frage, die wohl in kaum einer Lebenssituation berechtigter wäre als in seiner, erklärt Rezensent Jörg Magenau. Krippen, einst Antifa-Kämpfer und Jungdramatiker, lehrt als Dozent an der Londoner Uni Literaturwissenschaft, seine Geliebte ist Naturwissenschaftlerin, seine Frau zu Hause in Berlin, sein Sohn nicht der leibliche Sohn und so weiter, fasst Magenau zusammen. Körper und Geist, Triebe und Gefühle, Natur und Kunst - zwischen diesen Polen spannt sich Wildenhains Erzählung auf und aus ihrem Verhältnis gewinnt sie ihre Spannung. Wildenhains Sprache ist wandelbar - mal komplex, "kunstvoll verschachtelt", mal parataktisch gedrängt, zerfurcht, die Sätze sind mitunter "hingeschleuderte Wahrnehmungsbrocken" -  jedoch immer präzise, immer originell, lobt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2017

Rezensentin Katharina Teutsch liest Michael Wildenhains Liebesroman als "Rache an der Berlin-Mitte-Literatur" der letzten Jahre. Nicht nur, weil sie der Autor zu Randgebieten wie zum Betriebsbahnhof Schöneweide oder zur Hellersdorfer Platte mitnimmt, sondern auch, weil Wildenhain in seiner Geschichte um einen ehemaligen Aktivisten und Hausbesetzer, der als Wissenschaftler zwischen Berliner Ex-Frau und Sohn und indischstämmiger Geliebten in London hin- und herpendelt, dabei an Liebesverwicklungen und "ideologischem Tourette-Syndrom" scheitert, auf Zeiten pfeift, in denen man mit "Rechten reden" muss, erzählt die Kritikerin. "Intim" und "kriminalistisch verschachtelt" entfaltet der Autor diesen widersprüchlichen Charakter, lobt Teutsch. Und zu Wildenhains rasanten Wechseln zwischen verschiedenen Stilregistern möchte die Kritikerin am liebsten tanzen.
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