Die Jahre 1943 bis 1945 erschafft Normen Gangnus Wirklichkeit - nicht indem er die Geschichte umschreibt, sondern indem er sie über den Umweg der Fiktion vollends zur Geltung bringt. Lückenhaft ist die Geschichte der NS-Raubkunst. Für immer verloren haben sich die Spuren etlicher geraubter Kunstwerke in den Wirren des Nachkriegs, in den Bürokratien des geteilten Deutschland, in den über Verbleib und Zerstörung Bescheid wissenden Köpfen der Verantwortlichen - zumindest scheinbar. Denn kurz nach Veröffentlichung der Briefe des unter bis heute ungeklärten Umständen verschollenen Kunsthändlers Arved von Sternheim werden dem Herausgeber Normen Gangnus weitere zufällig in den Archivbeständen des Ministeriums für Staatssicherheit entdeckte Aufzeichnungen zugespielt. Darin eröffnen sich nicht nur der Alltag, die Sehnsüchte, Ab- und Beweggründe jenes Mannes, der zwar außerhalb des Geschehens zu stehen glaubte, als Hermann Görings Kunstsammler jedoch unmittelbar mit der "Verwertung" von als "entartet" klassifizierter Kunst betraut war. Vielmehr tritt ebenjene bis in die Gegenwart ragende Geschichte über Verbrechen und Verluste, Fallstricke und Fälschungen zutage, die so wahr ist, dass es Gangnus' Grenzen sprengender literarischer Erfindung von Arved von Sternheim bedarf, um sie erzählen zu können.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025
"Ein Buch, wie es noch keines gegeben hat" nennt Rezensent Andreas Platthaus Normen Gangnus Debütroman. Ein schöneres Lob kann man sich als Autor kaum wünschen. Und Platthaus setzt noch einen drauf, widmet dem Autor eine kurze Autorenbiografie, um so die lange Entstehungsgeschichte dieser grandiosen, konsequent und kohärent erzählten Fiktion zu skizzieren. Und fiktiv ist alles darin - der Protagonist Arved von Sternheim, ein Kunsthistoriker, der Hermann Görings bei der Erstellung bzw. dem Zusammenklauen einer privaten Kunstsammlung berät; seine Aufzeichnungen; der Briefwechsel mit seiner Geliebten; die zahlreichen Fußnoten; das Nachwort; usw. Und dennoch ist nichts davon gelogen, alles wahrhaftig, Görings Kunstsammlung hat es gegeben, und einen Opportunisten wie Sternheim muss es gegeben haben, denkt Platthaus. Am wahrhaftigsten jedoch sind die Lücken, die Gangnus bewusst und mit Geschick herausstellt, das beredte Schweigen - über all das, was einer wie Sternheim nicht wissen wollte. Dieses Schweigen, die Schuld, die sich darin äußert, ist neben der Liebe und der Raubkunst das große Thema dieses großen Romans, so der bewegte Rezensent.
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