Die Lebensentscheidung
Novelle

Suhrkamp Verlag, Berlin 2026
ISBN
9783518432747
Gebunden, 158 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Frustriert von den Mühlen der Bürokratie, trifft Franz Fiala eine "Lebensentscheidung" und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Als er seine Mutter zum 89. Geburtstag in Wien besucht, verschweigt er ihr jedoch seinen vorgezogenen Ruhestand. Und auch das Gespräch mit Nathalie, mit der er seit vier Jahren in Brüssel eine Beziehung führt, über die gemeinsame Zukunft misslingt. Dann treten wiederkehrende Schmerzen auf, die sich nicht länger ignorieren lassen. Der Befund: Krebs, unrealistisch, dass er noch ein Jahr lebt. Und mit einem Mal geht es allein darum, seine Mutter darüber zu täuschen, ihr den Schmerz zu ersparen, ihren Sohn sterben zu sehen: "Überleben konnte für ihn nur heißen, seine Mutter zu überleben. Vor ihr, bis zu ihrem Tod, seine Krankheit zu verheimlichen. Es ging jetzt um einen Überlebenswettkampf. Das war jetzt die Lebensentscheidung." Kann man über sein Leben entscheiden? Nicht über das Ende, sondern mit Willenskraft über das Weiterleben, länger, als erwartbar wäre?
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2026
Die Erfindung des Genres der "EU-Prosa" geht auf Robert Menasse zurück, erklärt Rezensent Luca Vazgec, der in dessen neuer Novelle viele bekannte Motive wiederentdeckt: Protagonist ist Franz Fiala, EU-Beamter, dessen Idealismus nach vielen Jahren im Job aufgebraucht ist, der langsam genug hat und den Job hinschmeißt. Plötzlich stellt sich heraus, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Er will um jeden Preis die demente Mutter überleben, mit der er auf fast freudianische Weise verbunden ist und die mit ihrem kleinbürgerlichen Bildungsdrang überhaupt erst dafür gesorgt hat, dass er Karriere machen konnte, wie Vazgec erklärt. Dass Franz Fiala dann letztlich doch in den Armen seiner Mutter stirbt, erinnert den Kritiker an die griechische Tragödie, die kurze, stringente Form der Novelle sieht er hier perfekt ausgeführt. Die leichte Bitterkeit dessen, der gewusst hätte, wie es Europa besser gehen könnte, kann den positiven Eindruck des Kritikers kaum trüben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 09.03.2026
Wieder einmal "hohe Kunst" ist es für Rezensentin Judith von Sternburg, wie Robert Menasse erzählt, nämlich so entspannt, dass sich die Perfektion der Form erst am Ende enthüllt: Seine neue Novelle spielt wieder im Kosmos der EU: der langjährige Beamte Franz Fiala möchte die Berufstätigkeit eigentlich aufgeben. Ihn nerven die Bauern, die so viel Förderung von der EU bekommen und so wenig bereit sind, irgendetwas dafür zu tun, ihn nervt das Hin- und Herpendeln zwischen Brüssel und Wien, erfahren wir, ein Privatleben gibt es kaum. Eine Komödie ist das nicht, aber die Kritikerin macht dennoch einen feinen Humor aus, der zuweilen fast in Richtung Parodie geht. Besonders ist für Sternburg die Beziehung Fialas zu seiner Mutter, die feinfühlig und sehr privat geschildert wird, ohne dafür einen biografischen Anteil zu benötigen. Das "tragische und erstaunliche" Ende haut die Kritikerin dann im besten Sinne um - da zeigt sich für sie die große erzählerische Meisterschaft Menasses, die sich selbst in einem so kurzen Buch zu entfalten weiß.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 05.03.2026
Robert Menasses neue Novelle ist für den Rezensenten Daniel Haas gerade deshalb radikal, weil sie nüchtern eine Situation beschreibt, die dramatisch ist, und damit mit Erwartungen bricht. Es geht um Franz Fiala, EU-Beamter, der eigentlich seine Frührente genießen will und stattdessen eine Krebsdiagnose erhält, lesen wir. Statt sein Sterben mit Zynismus und Rebellion gegen den Tod zu schreiben, geht es bei Menasse darum, dass Fiala die alte, kranke Mutter unbedingt noch überleben möchte, um ihr nicht den Tod des Sohnes zumuten zu müssen, schildert Haas. Ihm gefällt, dass der Autor hier mit den Rollen einer Gluckenmutter und dem in Liebesdingen scheiternden Sohn spielt, sie bricht und damit auch einen klugen Kommentar auf psychologisierende Lektüren parat hat. "Große Literatur" ist es, wie Menasse das Sterben dieses Mannes schreibt, schließt er.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 23.02.2026
Robert Menasse ist "auf EU-Romane spezialisiert", konstatiert Kritiker Konstantin Sakkas. Auch in dieser neuen Erzählung geht es mit Franz Fiala um einen Beamten der EU-Kommission, der eigentlich langsam Richtung Pensionierung und neues Leben schwebt, als er mit Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wird. Mit "tragischem Dezisionismus" entscheidet sich Fiala zu kämpfen, er will und kann nicht vor der Mutter sterben, beschreibt Sakkas. Er lobt besonders das humanistisch-bildungsbürgerliche Weltbild, das Menasse hier vermittelt, das besonders die gebildete Mutter von Fiala mit Homer, Schiller, Goethe ausstellt. Dass der Protagonist dann doch in den Armen der Mutter stirbt, hat für den Rezensenten mythologischen Charakter und lässt ihn daran denken, dass es die Mütter waren, die Europa nach dem Zweiten Weltkrieg intellektuell wieder aufgebaut haben.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 20.02.2026
Statt die Arbeit an seinem dritten großen Europa-Roman aufzunehmen, hat der Wiener Autor Robert Menasse entschieden, sich und seinen Protagonisten vorerst ins Private zurückzuziehen, sich den existenziellen Fragen zuzuwenden und einer neuen, reduzierteren Form: Der Novelle. Rezensent Josef Kelnberger folgt ihm mit Vergnügen. Franz Fiala heißt dieser Protagonist in Anspielung auf Franz Werfels "Der Tod eines Kleinbürgers". Seine Karriere als EU-Beamter und überzeugter Verfechter der europäischen Einigungsidee endet 2024 in großer Enttäuschung angesichts der scheiternden Umweltpolitik der EU und im Rückzug aus der Politik, in die Frührente. Mit dem politisches Tagesgeschehen, mit den "Brüsseler EU-Menschen", will er nichts mehr zu tun haben, lesen wir, stattdessen möchte er Zeit mit seiner sterbenden Mutter verbringen. Dieser Plan jedoch wird gestört durch seine eigene Diagnose, mit der, wie in Werfels Geschichte, ein Wettlauf beginnt: Fiala legt nun alles daran, seine Mutter zu überleben. Menasse erzählt davon anspielungsreich, voller Empathie, leichtfüßig und angenehm unpathetisch. Und um die EU, ihr Dahinsiechen, geht es am Ende dann doch irgendwie, zumindest in der Lesart des Rezensenten, der sich schon auf den nächsten, den dritten großen EU-Roman freut, an dem der Autor nach eigener Aussage, nun aber wirklich zu arbeiten beginnen wird.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 14.02.2026
Rezensentin Feßmann merkt dem neuen Buch von Robert Menasse gewisse Euphorie-Einbußen an: Wo der Autor zuletzt noch mit seinem Brüssel-Roman "Die Hauptstadt" leidenschaftlich für die europäische Idee warb, da tritt jetzt, in seiner neuen Novelle, ein Referent der EU-Kommission den Rückzug an: sein jahrelanger Einsatz für den Green Deal war umsonst, hinzu kommt eine vom vorzeitigen Ruhestand enttäuschte Geliebte aus altem "EU-Adel", eine ebenfalls enttäuschte Mutter, und - als "unerhörte Begebenheit" in der Mitte, analysiert Feßmann - eine Krebsdiagnose. Von nun an gelte es, die Mutter zu überleben, um ihr wenigstens diese Enttäuschung noch zu ersparen. Wie Menasse diese Ereignisse in "tragikomische" Form verpackt, imponiert der Kritikerin - für sie hat Menasse damit auch sämtliche anderen Altersromane der Saison überflügelt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.02.2026
Rezensent Paul Jandl ist begeistert von dieser Novelle des, wie er ihn nennt, "Balzac der EU". Diesmal erzählt er die Geschichte von Franz Fiala, einem Mann Ende fünfzig, der in Brüssel in der Generaldirektion Umwelt der EU arbeitet, lässt uns Jandl wissen. Als Fiala jedoch die konkreten Pläne seiner Abteilung immer wieder an dem ziellosen Pragmatismus der Politik zerschellen sieht und dazu noch eine schlimme Krankheitsdiagnose erhält, kündigt er, erfahren wir. Zu den grandios beschriebenen Strukturen der Union, die durch die Sprache des Autors zu einem Zerrspiegel menschlicher Irrungen werden, gesellt sich eine gelungene Variation, freut sich der Kritiker. Fiala ist nämlich auch der Name des Protagonisten der 1927 erschienenen Franz-Werfel-Novelle "Der Tod des Kleinbürgers", beobachtet der Rezensent und findet eine Gemeinsamkeit in der tödlichen Krankheit beider Protagonisten, die sich sogleich auf eine letzte Lebensinventur begeben. In diesem Fall trennt sich Franz Fiala von seiner Partnerin und besucht seine Mutter, die wiederum ihre lebensbedrohliche Erkrankung vor ihm geheim hält, wodurch der Text zu einer immens dichten Ergründung von "Hirngespinsten der Zuneigung" wird, jubelt Jandl.