Olga Grjasnowa

Juli, August, September

Roman
Cover: Juli, August, September
Hanser Berlin, Berlin 2024
ISBN 9783446281691
Gebunden, 224 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Lous zweiter Ehemann ist eine Trophäe - das muss selbst ihre Mutter anerkennen. Sergej ist Pianist und er ist jüdisch, genau wie Lou. Trotzdem ist ihre Tochter Rosa noch nie in einer Synagoge gewesen - eine ganz normale jüdische Familie in Berlin. Aber sind sie noch eine Familie, und was ist das überhaupt? Um das herauszufinden, folgt Lou der Einladung zum 90. Geburtstag ihrer Tante. In einem abgehalfterten Resort auf Gran Canaria trifft der ganze ex-sowjetische Clan aus Israel zusammen, verbunden nur noch durch wechselseitige Missgunst. Gegen die kleinen Bösartigkeiten und die vage Leere in sich trinkt Lou systematisch an und weiß plötzlich, dass die Antwort auf all ihre Fragen in der glühenden Hitze Tel Avivs zu finden ist.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.12.2024

Irgendwo zwischen Dana Vowinckel und Yasmina Reza bewegt sich Olga Grjasnowas neues Buch über die Kunsthistorikerin Ludmilla, die sich auf die Suche nach ihrer eigenen Identität begibt, konstatiert Rezensentin Christiane Lutz: Zum 90. Geburtstag der Großtante Maya trifft sich die Familie auf Gran Canaria, sie ist die letzte Holocaust-Zeitzeugin der Familie, doch auch sie "manipulierte die Erinnerung", so die Rezensentin. So weiß Ludmila immer noch nicht, wer sie ist zwischen Judentum, Aserbaidschan, Berlin und der Familie: Die Feste, die gefeiert werden, verlangen auch immer, "den Horror anzuschauen" - davon erzählt die Autorin Lutz zufolge unprätentios: "Verzweiflung ist  keine Option." Eine jüdische Familiengeschichte, die auslotet, dass es verschiedene Wahrheiten geben kann und keine davon gelogen sein muss,  schließt die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.11.2024

Ein reichhaltiges, durchaus auch überraschendes Buch ist Olga Grjasnowas neuer Roman für Rezensent Jan Süselbeck. Im Zentrum steht die Kunsthistorikerin Lou, die von ihrer jüdischen Herkunft zuerst nicht viel wissen will, was sich allerdings ändert, als ihre Tochter mit einem den Holocaust banalisierenden Bilderbuch über Anne Frank konfrontiert wird. Deutlich expliziter als in früheren Büchern der Autorin geht es im Folgenden um Fragen jüdischer Identität, so Süselbeck, inklusive Anspielungen unter anderem auf Deutsche, die jüdische Identitäten fingieren. Insgesamt entfaltet sich der neue Roman einerseits - ein Aspekt, der Süselbeck eher wenig zusagt - als Urlaubskomödie auf Gran Canaria, andererseits als Traumastudie in Israel. Letzterer Teil, der den Rezensenten deutlich mehr interessiert, bringt die Erfahrungen der Großelterngeneration der Erzählerin ins Spiel, es geht um einen jüdisch-sowjetischen Blick auf den Krieg der Nazis. Freilich bleibt die Familiengeschichte der Hauptfigur, deren Lebensgeschichte Parallelen zu der der Autorin aufweist, am Ende doch fragmentarisch. Insgesamt legt Grjasnowa hier also ein dichtes und doch offenes und durchaus auch ironisches Buch vor, schließt die Rezension.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2024

Durchaus mit Sympathie, aber nicht begeistert bespricht Yelizaveta Landenberger den inzwischen fünften Roman von Olga Grjasnowa, dem es laut Kritikerin vor allem an Überraschungen mangelt. Identitätsromane dieser Art hat die Rezensentin zu oft gelesen, nicht zuletzt von Grjasnowa selbst. Nichtsdestotrotz fühlt sie sich gut unterhalten von der Geschichte um Lou, die als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland kam, nach einer Fehlgeburt und einem All-Inclusive-Urlaub auf Gran Canaria samt Familienangehörigen aus Israel in eine Sinnkrise verfällt - und letztlich beschließt, nach Israel zu reisen. Die gekonnte Verknüpfung der einzelnen Handlungsstränge lobt Landenberger ebenso wie die oftmals "zynische Komik" der Alltagsbeobachtungen, etwa zu jüdischem Leben in Deutschland. Auch über die Doppelstandards, mit denen Russlanddeutsche und jüdische Kontingentflüchtlinge in Deutschland behandelt werden, erfährt die Rezensentin hier allerhand. Ein paar Klischees und die Arroganz der Erzählerin halten Landenberger aber von einer uneingeschränkten Leseempfehlung ab.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 10.10.2024

Diese komplizierte Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie hat Rezensentin Meike Feßmann nur halb überzeugt. Im Mittelpunkt steht Ludmilla, Lou genannt, Mutter einer fünfjährigen Tochter, die nicht so recht zu wissen scheint, in welchen Traditionslinien sie ihr Kind erziehen soll. Sie hat ihm Russisch beigebracht, weil sie die Sprache liebt, aber Russland steht heute für einen faschistischen Staat. Und ihr Judentum scheint vor allem durch den Antisemitismus geprägt zu sein, weniger durch religiöse Überzeugung. Also beschließt Ludmilla, sich der russisch-jüdischen Familiengeschichte zuzuwenden, was zu einem heftigen Streit bei einer Familienfeier führt, erzählt Feßmann. Dazu kommen noch ein von Lampenfieber geplagter Ehemann, ein Pianist, und eine Fehlgeburt. Es passiert also sehr viel, psychologisch findet Feßmann das nicht immer plausibel. Aber als Roman über Probleme des Mutterseins in heutiger Zeit taugt ihr der Roman doch.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 20.09.2024

Rezensentin Elke Schlinsog liest mit "Juli, August, September" eine weitere "Unruhegeschichte", wie sie es ausdrückt - eine Geschichte über eine zerrissene Heldin und ihre ebenso zerrissene und verstreute jüdische Familie, die zum Anlass des Geburtstags der Großmutter Maya auf Gran Canaria in einem herunterkommenden Hotel zusammentrifft. Hier versucht die in die Krise geratene Heldin Lou - Kunsthistorikerin, Mutter, Ende 30 - das Puzzle ihrer Herkunft zusammenzusetzen. Dabei treiben sie jene Fragen, die Grjasnova immer wieder literarisch zu beantworten versucht, da die Antworten nie abschließend sein können: die Fragen nach der eigenen Herkunft, nach der eigenen Identität. Grjasnova beschreibt diese Sinn- und Identitätssuche ihrer Heldin mit viel psychologischem Feingefühl, Zärtlichkeit und ihrem ganz eigenen subtilen Humor, lesen wir. Mit der Erzählung der Großmutter Maya über ihre Flucht aus der Sowjetunion hat sie außerdem einen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte bearbeitet, weiß die Rezensentin. Dass dieser letzte Teil des Buches ursprünglich ein Essay werden sollte, spürt man - ganz nahtlos fügt er sich nicht ein in den Rest der Erzählung, doch dieser Makel tut der Wirkung dieses "bebenden, drängenden" Romans keinen Abbruch, so die merklich mitbebende Rezensentin.

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