Otto Kallscheuer

Papst und Zeit

Heilsgeschichte und Weltpolitik
Cover: Papst und Zeit
Matthes und Seitz, Berlin 2024
ISBN 9783751820158
Gebunden, 956 Seiten, 44,00 EUR

Klappentext

Wahre Lehre und falsche Dokumente, heilige Kriege und diplomatische Kunst: Die katholische Kirche kennt die Abgründe der Politik; schließlich entstand sie aus messianischer Antipolitik. Wie aber konnte eine verfolgte Migrantensekte aus dem Nahen Osten zur größten Institution der Weltgeschichte werden? Warum ist das immer wieder gefährdete Papsttum heute die Verkörperung von Kontinuität? Der Philosoph und politische Theoretiker Otto Kallscheuer analysiert die Kirche als Corpus, erzählt von der Orthodoxie als Erfindung, vom Klerus als Rückgrat und von der Rettung des Katholizismus durch die Frauen. Er berichtet von den Päpsten als Kriegsherren und Friedensvermittler, als Feinde der Aufklärung und Befreier von weltlicher Ideologie - und von ihrer Verzweiflung angesichts der Weltkriege des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Problemgeschichte des kirchlichen Rom bringt auch die spirituelle Grammatik des Westens zum Vorschein. Längst verlagert sich der Schwerpunkt der katholischen Christenheit in den globalen Süden. Gelingt es heute einem lateinamerikanischen Papst, in den neuen-alten Weltkonflikten, gegenüber dem Hass aktueller Volks- und Religionskriege zum Friedensstifter zu werden? Papst und Zeit liefert die historischen und politischen Hintergründe zu den aktuellen Debatten in der katholischen Kirche - auch zu Zerreißproben im Vatikan. Um das Papsttum zu begreifen, braucht es Weltgeschichte und Theologie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2024

Der Philosoph und Doyen des linken Katholizismus Otto Kallscheuer nimmt eine interessante Perspektive auf die katholische Kirche ein, befindet Rezensent Thomas Brose: Er macht sich in einem umfassenden Buch Gedanken darüber, wie sich die Rolle des Papstes zur Weltpolitik verhält und wie die Sphären Politik und Christentum im Laufe der Jahrhunderte immer wieder aufeinandertreffen. "Geschichtliche Wechselfälle" wie die Begegnung zwischen Bonifaz VIII. und dem französischen König 1300, die zur Exilierung der Päpste nach Avignon führte, strukturieren das Buch, erklärt der Kritiker, und führen immer wieder zu den Fragen, wie die Macht in der Kirche aussieht und wie das Papsttum sich in der Zukunft gestalten lässt. Eine kluge Analyse, die theologische mit geschichtlichen und politischen Überlegungen verbindet, so Brose abschließend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.06.2024

Rezensent Simon Unger-Alvi gefällt der "nicht streng wissenschaftliche" Gestus in Otto Kallscheuers Theorie des Papsttums. Umfang und Struktur sollten den Leser nicht abschrecken, findet der Rezensent, das Buch lasse sich gut als Nachschlagewerk verwenden, meint er. Dass Kallscheuer keine übergreifende politische Theorie des Papsttums vorlegt, erscheint ihm in Ordnung. Dafür bietet der Band laut Rezensent die Darstellung einer  Vielzahl an kirchenpolitischen Richtungen, zeigt Transformationen und Verbindungslinien auf und all das theologisch kompetent. Nur manchmal erscheint es dem Rezensenten, als würde Kallscheuer Ambivalenzen vereinfachen. Das Buch scheint ihm jedenfalls für ein breites Publikum geeignet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.05.2024

Als ein wahres Meisterwerk, das den Deutschen Sachbuchpreis verdient hätte, sieht Rezensent Claus Leggewie Otto Kallscheuers Papstgeschichte an. Etwas zu bemängeln hat Leggewie weniger am Inhalt als an der Gestaltung: Durch die kleine Schriftgröße drohe die Brisanz von Kallscheuers Darstellung verloren zu gehen. Die sprachlich versierte, vielleicht weniger wissenschaftliche, dafür aber charmante und mitreißende Problemgeschichte des Papsttums dürfte beim akademischen Publikum nicht so gut ankommen, vermutet Leggewie. Der Autor verliere zwar öfter den roten Faden, aber alle Wege führen zur Kernfrage nach der erstaunlichen Überlebensfähigkeit der katholischen Kirche. Die verdanke sie ihrer Lernfähigkeit und ihrer Kapazität, Einflussräume gut auszuspielen. Leggewie sie hier als eine Institution kennen, die sich stets zwischen ihrer weltpolitischen Stellung und "lokaler Seelsorge", zwischen "himmlischer Ewigkeit" und geschichtlicher Realität bewegt.  Kallscheuers Papstbuch ist aber keine glorreiche Geschichte des Papstamtes, meint der Rezensent. Denn der Autor scheut sich nicht, Reformvorschläge zu machen, den aktuellen Missbrauchsskandalen nachzugehen sowie das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes in Frage zu stellen. Wie wird die katholische Kirche wohl durch die aktuellen Krisen navigieren, fragt Leggewie abschließend.

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