Die Figuren in Peter Hennings Geschichten bewegen sich auf alltäglichem, scheinbar gesichertem Terrain. Doch bereits diese geringe Fallhöhe lässt sie ein ums andere Mal ins Straucheln geraten - und beschert ihnen doch bisweilen neue, unerhörte Einsichten. Da ist der Mann, den die Erinnerung über den Verlust seiner Frau hinwegtröstet. Oder der Nachtportier, welcher der eigenen Trauer zu entgehen hofft, indem er die einer anderen zu lindern sucht. Und wenn das junge Paar in der Geschichte »Libellen« das eigene Leben im Angesicht des Todes feiert, dann scheint darin nur allzu leuchtend das Allgemeine im Besonderen auf. Stets sind es fast unmerkliche Verstörungen, die das Kartenhaus ihrer Existenz zum Einsturz bringen ...
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 28.03.2003
Weitab vom "Neuen Deutschen Erzählen" hat Daniel Kehlmann Peter Hennings "leisen und großartigen" Band gefunden. Weitab von den aktuellen Moden also, doch zugleich im Zentrum dessen, was Literatur ist; denn, so fragt er, geht es dabei nicht ganz eigentlich darum, "zu verstehen, warum Menschen tun, was sie tun"? Bei Henning seien es Familienmenschen, denen die Familie auch Abgrund ist, Durchschnittsmenschen, die in ihrer trotzigen Entschlossenheit im sicheren Scheitern so wahrlich wie ironisch zu "Giganten" werden. Schon einige Bücher lang habe Henning das Thema der Familie immer wieder bearbeitet und die literarischen Schreibweisen nach immer präziseren Ausdrucksvarianten dafür erprobt. In diesen Erzählungen nun sieht Kehlmann ihn zur Meisterschaft gelangen; "bewusst, reif und kontrolliert" klinge diese Prosa - "der Ton genuiner literarischer Kunst".
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 14.11.2002
Michael Kohtes erkennt in den Protagonisten dieser Erzählungen ausschließlich vom Leben gebeutelte "arme Wichte", die nicht mit großer Tragik, sondern einfach nur "erbärmlich" und alltäglich scheitern. Dabei findet er es sehr sympathisch, dass der Autor darauf verzichtet hat, sie der "Lächerlichkeit preiszugeben", was wohl das Einfachste gewesen wäre. Statt dessen beobachte Henning seine Helden sehr genau und lasse sie "plastisch" für die Leser hervortreten, lobt der Rezensent in seiner kurzen Kritik. Ihm gefallen die "leisen Töne", mit denen der Autor unaufdringlich seine Geschichten erzählt und er preist ihn für die "Kunst der Reduktion", die er in den Erzählungen unter Beweis stellt. Abschließend bescheinigt er ihm, den Vergleich mit den Short Stories amerikanischer Autoren wie Cheever und Carver nicht scheuen zu müssen.
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