Daniel Kehlmann

Ich und Kaminski

Roman
Cover: Ich und Kaminski
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518413951
Gebunden, 174 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Mit kleineren Gelegenheitsarbeiten schlägt sich Sebastian Zöllner nach seinem Kunstgeschichtsstudium so durch, aber nun hat er einen ganz großen Fisch an der Angel: Er schreibt die Biografie des Malers Kaminski, der, entdeckt und gefördert einst von Matisse und Picasso, durch eine Pop-Art-Ausstellung, seine dunkle Brille und die Bildunterschrift "Painted by a blind man" weltberühmt wurde.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.04.2003

Wenig zimperlich verreißt Werner Spies diesen Roman als "schwer verdauliches Elaborat". Hinter dessen Seiten lauert der "Collagenkitsch" warnt er potentielle Leser vor dem Buch, dessen Hauptfigur ein Künstler sei, Kaminski, der "wie ein Frankensteinsches Monster" aus verschiedenen konkreten, disparaten Einzelteilen zusammengesetzt sei. Als weiterer Protagonist wird ein junger Journalist beschrieben, der "eine definitive Biografie" über den alten, einst berühmten Maler Kaminski schreiben will. Um dessen Werk in der Realität zu verankern, zitiere Autor Kehlmann aus Briefen von Matisse, Picasso oder Claes Oldenburg. Für einen kurzen Moment hofft der rezensierende Kunsthistoriker auf "einen Schlüsselroman". Stattdessen trifft er nur auf falsche Fährten.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.03.2003

Keine dreißig Jahre ist Daniel Kehlmann alt und legt mit "Ich und Kaminski" bereits seinen fünften Roman vor -sein mit Abstand komischstes Buch, wie ein begeisterter Andreas Nentwich befindet, und sein abenteuerlichstes. Es erzählt von Sebastian Zöllner, "einem wahren Ekelpaket von Kunstkritiker", dessen einzige Obsession sein schäbiger Ehrgeiz ist. Dieser Zöllner nun macht sich nach allen Seiten knuffend auf die Reise zu dem bayrischen Maler Kaminski, um eine Monografie, nein ein Standardwerk über den bedeutendsten Maler der Gegenwartskunst aus dem Alpenraum zu verfassen. Dies erzählt Kehlmann heiter als beißende Satire auf den Kulturbetrieb, nein als Schundroman, wagt Nentwich zu schwärmen und schließt: "So ansteckend lustvoll und hinreißend unglaubwürdig wie Kehlmann strapaziert die trivialen Genres nur, wer sie um Haupteslänge überragt."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.03.2003

Martin Krumbholz hat bei dem "furiosen" Roman von Daniel Kehlmann auf nichts verzichten müssen. Denn bei Kehlmann paaren sich "beträchtliches Raffinement" und "frappierender Witz" auf die beste Art und Weise. Der Rezensent hat viel gelacht, so viel wie "lange nicht mehr im neuen deutschen Roman", bei der Geschichte von Sebastian Zöllner, der den Maler Kaminski porträtieren will und noch nicht einmal sich selbst erkennt. Mit steigender "Erkenntnislust" erfahre der Leser von Selbstreflexion und Selbsterkenntnis, von den Mechanismen des Kunstmarkts wie des Lebens. Das wird auch noch handwerklich einwandfrei erzählt: vom "hieb- und stichfesten" Plot bis zu den "filmreifen" Dialogen. Krumbholz kann nur staunen, wie Kehlmann die Büchnerschen Fragen nach "fama" und "fame" stellt und dabei auch noch so witzig sein kann.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.03.2003

Beatrix Langner hat sich mit dem vierten Roman des 1975 geborenen Daniel Kehlmann auf intelligente Weise amüsiert. Für sie knüpft Kehlmann unverkennbar an literarische Avantgarde-Bewegungen wie Oulipo oder den Lettrismus an, die das Sprachspiel zum Kompositionsprinzip erhoben haben. Die Avantgarde selbst sei nämlich Thema dieses "Hypertextes über Mythen und Diskurse der Kunst und ihrer Akteure", ausgetragen von einem jungen, eher unangenehmen Trittbrettfahrer des Kunstbetriebs, der eine Biografie über einen vergessenen Maler schreiben will, und jenem vielleicht genialischen Maler, dem es im Verlauf des Romans gelinge, den jungen Mann für seine Angelegenheiten zu nutzen. Kehlmann erzählt klar und konzentriert aus der Perspektive des jungen Mannes, so Langner. Die Geschichte sei spiegelbildlich angelegt und so spannend wie ein guter Kriminalroman. Hätten in Kehlmanns erstem Romanen seine Helden noch übersinnliche Erfahrungen benötigt, so sei dieser Kunstgriff hier überflüssig geworden: Kehlmann beherrsche souverän seinen Stoff. Ihn interessiert direkt die Poetizität des Stoffes, das heißt, "seine Eignung" im "Sichtbaren das Nicht-Sichtbare" zu vermitteln, lobt die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.03.2003

In der modernen Kunst erweist sich der Künstler nicht mehr am souveränen Umgang mit Material, Form und Tradition, sondern am Einfall, am Konzept seiner Kunst. Für dessen Wahrnehmung braucht er die Anerkennung des Publikums und deshalb ersetzt heute die Kunstkritik das Publikum, weil nur sie die Kunst als Kunst erkennt: Nach dieser kleinen philosophischen Einleitung kommt Gustav Seibt auf sein eigentliches Thema zu sprechen, den Roman von Daniel Kehlmann, der das Genre des Künstlerromans auf etwas "altmeisterlich" anmutende Weise "revitalisiert", wie Seibt es fasst. Altmeisterlich muten wohl die geschliffene Sprache und der perfekte Bau des Romans an, der einen ambitionierten Kunstkritiker gegen einen alten verschrobenen Maler ausspielt. Nichts können junge Autoren à la Kehlmann so gut wie Peinlichkeiten beschreiben, schwärmt Seibt. Der Kunstkritiker schleimt also, was das Zeug hält, um Material für seine Biografie zu gewinnen, doch dreht sich der Spieß allmählich um, verrät Seibt, und am Ende bediene sich der Maler des jungen Mannes statt umgekehrt. Wie, sei hier nicht verraten, wohl aber, dass Kehlmann nach Seibt einen bös brillanten und ebenso amüsanten Abgesang auf die Bedeutungshuberei im Kunstbetrieb verfasst hat.

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