Mit einer Einleitung von Claus-Dieter Krohn. Herausgegeben von Frank R. Reitzle. Scheidemanns brisante Schriften aus dem Exil sind bisher nicht der Öffentlichkeit zugänglich gewesen. In seinen politisch scharfsichtigen, bissigen und teilweise visionären Reflexionen wie auch in seinen persönlichen Betrachtungen über den Weg ins und im Exil zeigt sich ein Politiker, der, bei aller Verbundenheit mit seiner Partei, nichts mehr diplomatisch beschönigen will. Dass er als prominenter linker Kritiker der eigenen Partei und der eigenen Nation im kollektiven Gedächtnis heute kaum noch Platz findet, hängt sicherlich mit der Unnachgiebigkeit seiner Kritik am Versagen der SPD an den zwei entscheidenden Wendepunkten der deutschen Katastrophengeschichte des letzten Jahrhunderts zusammen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 31.01.2003
Lange wegen juristischer Querelen in diversen Archiven aufbewahrt, wurden Philipp Scheidemanns (1865 - 1939) Schriften aus dem Exil jetzt erstmals veröffentlicht, berichtet Rezensent Rudolf Walther. Zwar bergen sie seines Erachtens "keine Sensationen", machen aber einiges deutlicher. Vor allem zeigten sie Scheidemann, einen eingefleischten Sozialdemokraten, als einen, der die strukturellen und persönlichen Gründe für die Niederlage der SPD und den Untergang der Weimarer Republik klarer als viele andere begriffen habe. "Jenseits persönlicher Abrechnungen", erklärt Walther, "legt Scheidemann den Finger schonungslos auf politische und strukturelle Defizite der sozialdemokratischen Politik." Walther hebt hervor, dass Scheidemann wie kein anderer führender Sozialdemokrat erkannt habe, dass die Republik von Anfang an nicht von "rätebegeisterten Gegnern der Demokratie" (Scheidemann) gefährdet wurde, sondern von rechts und von den traditionellen Eliten in Verwaltung, Militär und Justiz. Insgesamt zeige die Edition den eher unterschätzten sozialdemokratischen Pragmatiker Scheidemann in einem neuen Licht - als schonungslosen Analytiker der Gründe für das Versagen der SPD von 1918 bis 1933. "Dass er dabei seinen eigenen Beitrag zu diesem Versagen nicht besonders deutlich macht", schließt der Rezensent, "schmälert das Verdienst der Analyse nicht."
Die überraschendste Neuigkeit, die Volker Ullrich aus den Exilschriften des SPD-Politikers Scheidemann herausliest, ist die Tatsache der sehr frühen Zerrüttung des Verhältnisses zwischen Ebert und Scheidemann, das bereits 1918 nicht mehr zu kitten war. "Noch schärfer" als mit Ebert, so Ullrich, ist Scheidemanns Abrechnung in diesen Exilschriften mit seiner eigenen Partei, der SPD und den Gewerkschaften. Allerdings moniert der Rezensent, Scheidemanns posthume Forderung nach einem Generalstreik 1933 sei einer Fehleinschätzung aufgesessen, die durch neuere Forschungen widerlegt sei: die Arbeiterschaft der Weimarer Republik und ihre Funktionäre hätten durchaus nicht "Gewehr bei Fuß" gestanden und nur auf "ein Zeichen von oben gewartet". Zusammenfassend urteilt Ullrich, Scheidemanns sei gewiss ein besserer Redner als Schreiber gewesen, was die Lektüre des Buches "zuweilen etwas mühsam" mache. Aber dennoch sei dieser Band "zweifellos" eine "wichtige historische Quelle".
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