Von 1715 bis 1723 fand in der Bischofsstadt Freising einer der letzten deutschen Hexenprozesse statt. Bettelnde Kinder waren in den Verdacht geraten, Mäuse gezaubert zu haben. Wie ihre Vernehmung und eine langwierige Untersuchung ergaben, sollen sie Gott abgeschworen und sich dem Bösen verschrieben haben. Die meisten von ihnen wurden exekutiert. In ihrem Ringen ums Überleben berichten die Vernommenen von seltsamen dämonischen Erlebnissen und Taten. Wie in einem Vexierspiel vermengen ihre Geständnisse Realität und Imagination zu einer irritierenden Wirklichkeit. Doch dieser undurchsichtige Entwurf lässt sich entwirren und in seiner Doppelbödigkeit zeigen. Was Hexerei war oder bedeutete, erscheint somit in einem veränderten Licht, sobald man die Geständnisse angeblicher Hexen oder Hexer einer sorgfältigen Analyse unterzieht.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 25.07.2012
Das ist toll: Steffen Martus gelingt es mit diesem Buch von Rainer Beck, hinter der Bösartigkeit der von Beck minutiös untersuchten Freisinger Kinder-Hexenprozesse von 1717 bis 1723 die Kraft und List der Vernunft einer neuen Zeit zu entdecken. Als Korrektiv nämlich der dogmatischen Weltsicht der Inquisitoren. Allerdings muss der Rezensent zunächst durch die von Beck aus den Akten beförderte schlagende Paranoia und Dummheit geistig-geistlicher Beschränkung hindurch, das "Rauschen der Verhöre", das schreckliche Arrangement der Richter und Henker. Für Martus ein feines Soziogramm der Gesellschaft am Rand der Aufklärung.
Carla Baum bewundert vor allem die große Passion und empathische Haltung, mit der sich Rainer Beck mit seinem Thema, einem der letzten großen Hexenprozesse im Bistum Freising, auseinandergesetzt hat. Zwischen 1715 und 1723 fielen vor allem Kinder und Jugendliche hier dem Vorwurf des "Mäuselmachens" zum Opfer, was ihnen mit Folter und Inhaftierung nachgewiesen werden sollte, erfahren wir von der bestürzten Rezensentin. Akribisch wertet der Autor seine Quellen aus, interpretiert die Vernehmungsprotokolle und rekonstruiert das kulturelle Umfeld, erfahren wir. Mit seinem 1000-seitigen Buch gelingt ihm nicht nur ein erschütterndes Beispiel kirchlicher Verfolgung, sondern eine beeindruckende "Kulturgeschichte" einer Zeit, kurz bevor die Aufklärung solchen Umtrieben ein Ende macht, so Baum beeindruckt, die allerdings durchblicken lässt, dass sich die Lektüre gegen Schluss ein wenig zieht.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 23.11.2011
Ein düsteres Kapitel bayrischer Geschichte blättert der Autor vor dem entsetzten Rezensentenauge auf: Kinder werden gefoltert und enthauptet von Klerikern und fanatischen Apokalyptikern. Wie der Konstanzer Historiker Rainer Beck sein Panorama aus dem 18. Jahrhundert, der Zeit der Freisinger Kinderhexenprozesse entfaltet, hält Urs Hafner von Anfang bis Ende außer Atem. Sachlich zwar, mit entsprechenden Deutungsmethoden für vormoderne Lebenswelten, die Logik inquisitorischer Praktiken usw., aber auch subjektiv (wie auch nicht angesichts des Stoffes). So ahnt der Rezensent am Ende immerhin, was die Kinder ans Messer lieferte: Neben dem Fanatismus und der Unerbittlichkeit ihrer Richter eine lust- und verheißungsvolle Fantasie.
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