Aus dem Englischen von Gregor Hens. Mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor beschreibt Rawi Hage in seinem zweiten Roman die Welt aus der Perspektive eines menschenfeindlichen Diebes "mit Migrationshintergrund". Nach einem missglückten Selbstmordversuch wird der namenlose Erzähler, der überzeugt ist, halb Kakerlake, halb Mensch zu sein, zu einer Therapie verpflichtet. Die Sitzungen finden bei einer ebenso ernsten wie attraktiven Therapeutin statt. Er erzählt ihr widerstrebend seine Geschichte - oder das, was er dafür ausgibt ? Weil er von seinen Einbrüchen allein nicht leben kann, heuert "Kakerlake" als Spüler in einem Restaurant an. Doch als er herausfindet, was der wichtigste Gast dieses Restaurants seiner Geliebten vor ein paar Jahren im Iran angetan hat, ist die Katastrophe eigentlich unausweichlich...
Zwischen Amüsiertheit und Verzweiflung schwankt Katharina Granzin bei ihrer Lektüre von Rawi Hages zweitem Roman. Darin erzählt ein libanesischer Immigrant in Kanada seiner Therapeutin seine schreckliche Familiengeschichte und bricht, sich als Kakerlake imaginierend, in fremde Wohnungen ein, um Essbares und Alltagsgegenstände mitgehen zu lassen, erfahren wir. Die wahnhaften Kakerlakenepisoden erlauben soziologische Erforschungen aus der Nähe, sind aber in den Augen der Rezensentin zugleich eine rabenschwarze Metapher "existentieller Unbehaustheit", die den Leser anscheinend nicht unberührt lassen. Wenn der Protagonist am Ende zum Rächer seiner iranischen Geliebten wird, die ebenfalls ein Trauma zu bewältigen hat, ist das zwar eine gänzlich überraschende, aber zumindest erleichternde Wende der Geschichte, auch wenn Granzin angesichts der verzweifelten Lage nicht so weit gehen möchte, dies als Happy End zu beschreiben.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.11.2010
Einen Einblick in die "Schattenzonen des Migrantenmilieus" bietet Rawi Hages zweiter Roman "Kakerlake" nach Ansicht von Rezensentin Angela Schader. Sie erkennt zahlreiche Parallelen zum Erstling des Autors ("Als ob es kein Morgen gäbe"): auch diesmal gibt es einen Ich-Erzähler, der von der Gewalt in seiner libanesischen Heimat traumatisiert ist und sich Ausland abgesetzt hat, der Drogen nimmt und sich in Phantasien flüchtet. Offen bleibt für sie hier, ob dessen Gefühl, halb Mensch und halb Kakerlake zu sein, als "literarischer Dreh", "Psychose" oder "selbstironische Geste" des Protagonisten zu verstehen ist. Hage scheint ihr auch darin seinem Erstling zu folgen, dass er eine Milieustudie in eine dramatische Handlung überführt. Allerdings findet Schader dies weder beim ersten Roman noch hier so "schlüssig und durchdacht", wie sie sich das wünschen würde. Nichtsdestoweniger: als ungeschminktes Bild des Migrantenmilieus hat das Buch seine Stärken. So bringt es einem nach Auffassung der Rezensentin zwar nicht seinen Protagonisten näher, "wohl aber ein Stück harscher Lebenswirklichkeit".
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