Die Schriftfragmente und Ruinen, die 1947 - 1956 am Toten Meer entdeckt wurden, geben bis heute Rätsel auf. War die Gemeinschaft, die hier lebte, eine Art Kloster, eine absonderliche Sekte oder eine Schreibwerkstatt? Kam Johannes der Täufer oder Jesus hierher? Der Bibelwissenschaftler Reinhard Kratz verabschiedet in seinem bahnbrechenden Buch viele der gängigen Hypothesen und zeigt, dass wir in Qumran Zeugnisse des entstehenden "biblischen Judentums" vor uns haben, das sich von anderen Jahwe-Verehrern abgrenzte und bis heute in Judentum und Christentum lebendig ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2022
Rezensent Jörg Frey hofft, dass der neue Band des Alttestamentlers Reinhard G. Kratz die Vorurteile zu Qumran, den Vatikan und Jesus abbauen kann. In einem "schillernd-anachronistischen Terminus" sammele der Band neueste Einsichten zu den Schriftrollen von Qumran, die seither als "wichtigste Textfunde der Bibelwissenschaft" gelten, erklärt der wissende Rezensent. Besonders schätzt Frey die Verschiebung des Blickwinkels in diesem Band, der die Schriften für ihre neuen Einsichten ins Judentum schätzt und nicht wie zuvor in die Lehre der Christen. Auch die Darstellung einzelner Themen ist für den Rezensenten neu und überzeugt ihn mit einer originellen Textauswahl. Dass der Autor sich auf sein eigenes Fachgebiet beschränkt, die Struktur des Bandes durch seine eigene Sichtweise lenkt und mit selbst entdeckten Forschungserkenntnissen ergänzt, verzeiht ihm der Rezensent dafür gern.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.03.2022
Der hier rezensierende Theologe und Autor Johann Hinrich Claussen findet Reinhard Gregor Kratz' Buch über die Entstehung des "biblischen Judentums" aufschlussreich. Wieder einmal zeige der Autor, wie man deutsche Sachliteratur schreibt, die sich auch in Übersee gut vermarkten lässt, meint Claussen anerkennend, auch wenn es diesmal etwas voraussetzungsreicher zugehe als in seinem zuvor erschienenen Buch über Propheten. Gekonnt kläre Kratz dennoch über einige Vorurteile zum Juden- und Christentum auf und lege die Entstehung des doch gar nicht so mysteriösen Vereins frommer Männer dar, die sich gegen eine "Hellenisierung Israels" zusammentaten. Die Lücken, die die ansonsten lobenswerte Qumran-Forschung gelassen habe, könne auch Kratz nicht schließen, aber er gehe souverän mit den Forschungsergebnissen um, lobt Claussen. Dabei das "Epochale" und "Außergewöhnliche", gleichzeitig aber auch "überraschend Unsensationelle" der Vereinigung herauszuarbeiten, hält der Kritiker für eine starke Leistung.
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