Der spontane Aufstand der Arbeiterschaft in Ostberlin und der DDR am 17. Juni 1953 traf die Staatssicherheit unvorbereitet, denn sie verstand sich als Organ zur Bekämpfung von 'Agenten'. In der Vorstellungswelt der 'Tschekisten' konnte eine ernsthafte Gefährdung der SED-Herrschaft nur von westlichen Subversionsaktivitäten ausgehen. Der Minister für Staatssicherheit Wilhelm Zaisser stürzte, und die Geheimpolizei wurde ihres Versagens wegen von der Partei heftig kritisiert. Dies geschah jedoch nicht auf der Basis einer realitätsnahen Bewertung, sondern führte zur Kanonisierung des Aufstandes als 'Tag X', einen angeblich vom Westen geplanten und gesteuerten 'faschistischen Putsch'. Folge war die systematische Nichtbeachtung oder Fehlinterpretation von Informationen, die zwanghafte Suche nach Westverbindungen und 'Hintermännern' sowie die Kriminalisierung von Streikführern und Demonstranten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2003
Eine wichtige Studie nennt Rainer Blasius diese Arbeit zu den Nachwirkungen des 17. Juni im DDR-Geheimdienstapparat. Der MfS-Minister Zaisser verlor seinen Posten, erfahren wir, weil der Apparat die Staatsführung nicht rechtzeitig gewarnt hatte - und Ende 1953 gestand der neue Chef des Staatssicherheitsdienstes bereits intern ein, dass seine Behörde keinerlei "Hintermänner" des "Putschversuchs vom 17. Juni" hat ausmachen können. Interessant scheint aber vor allem der Dokumentenanhang des Buches zu sein, in dem sich auch, wie der Leser erfährt, Papiere der westlichen Geheimdienste befinden. Denn, so zeigt sich, auch hier gab es Verschwörungstheorien über "die wahren Hintergründe" des Aufstandes: Man vermutete etwa, dass die DDR die Aufstände selbst inszeniert hatte, um eine Widervereinigungsdebatte in Gang zu setzen, die dann unter anderem Adenauers Wiederbewaffnung delegitimieren sollte. Nur sei die Inszenierung dann etwas aus dem Ruder gelaufen.
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