Als die Autorin Roswitha Quadflieg nach Berlin zog, las sie in der Zeitung von Giuseppe Marcone, 23, Sohn einer bulgarisch-griechischen Mutter und eines italienischen Vaters - und dessen Geschichte ließ sie nicht mehr los: Er will mit seinem Freund an einem frühen Samstagmorgen mit der U-Bahn nach Hause fahren. Auf dem Bahnsteig werden sie angepöbelt, als sie den U-Bahnsteig wieder verlassen wollen, verfolgt. Giuseppe wird geschlagen, rennt auf die Straße, wird von einem Auto erfasst und gegen einen Ampelmast geschleudert - er stirbt. In Gesprächen mit der Familie, mit Freundinnen, Freunden und ehemaligen Lehrern, mit Zitaten aus Vernehmungsprotokollen, Zeugen- und Anwaltsäußerungen sowie dem Gerichtsurteil (die angeklagten Jugendlichen äußern sich nur über ihre Anwälte, auch deren Familie verweigert sich einem Gespräch) entsteht das genaue und exemplarische Bild eines Gewaltakts und seines Opfers.
Viele aufmerksame Leser wünscht Marko Martin Roswitha Quadfliegs Buch über den 2011 in Berlin zu Tode gehetzten Giuseppe Marcone. Die Collage aus Erinnerungen von Freunden, Familienangehörigen und Kollegen überzeugt den Rezensenten durch eine konzise, nachhakende Prosa. Statt Anmaßung und Hagiografie erhält Martin analytische Stringenz und die Nachzeichnung einer Biografie, die das Opfer wieder zum Menschen macht. Die Konkretheit des Buches mit seinen biografischen Hinweisen im Anhang scheint dem Rezensenten ein probates Mittel gegen jeden Sozial-Paternalismus zu sein.
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