Aus dem kandischen Englisch von von Joachim Utz. Als Rudy geboren wird, ist sein Geburtsort Speedwell noch jung. Mennonitische Flüchtlinge mühen sich ab, dem steinigen borealen Urwald Ackerland und Viehweiden abzugewinnen. Fernab der Welt besteht ihre einzige Unterhaltung in den regelmäßigen gegenseitigen Familienbesuchen am Sonntagnachmittag. Man trifft sich bei Tweeback und Pripps zum mehrstimmigen Liedergesang und vor allem zum Resse-riete, dem lebhaften Erzählen von erfundenen wie erlebten Geschichten. Die Siedlung von Speedwell ist längst verfallen; geblieben sind die Geschichten, die der kleine Rudy unter dem Küchentisch sitzend aufschnappte - und seine ererbte Erzählbegabung. Wir erfahren von der Wärme einer Kuh beim Melken, der Faszination eines Hengstes, dem qualvollen Tod der geliebten Schwester, der Predigt eines Indianerhäuptlings, der süßen Verlockung des Lesens - von einer untergegangenen Welt, die in Rudy Wiebes Kindheitserinnerungen wieder auflebt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.07.2008
Höchste Zeit, das unbändige kanadische Multitalent Rudy Wiebe zu entdecken, meint Thomas Leuchtenmüller. Um uns den Autor schmackhaft zu machen, greift Leuchtenmüller erst einmal auf dessen historisch grundierte multiperspektivische Texte über den Alltag mennonitischer Wiedertäufer zurück. Hm. Den vorliegenden Text hebt Leuchtenmüller dann allerdings eigens hervor, indem er die monologische Struktur und die thematische Beschränkung auf eine Kindheit im borealen kanadischen Urwald erwähnt. Darüber, wie gut das zusammengeht, Form, Ton, der Einblick in das entbehrungsreiche Familienleben in einem rückständigen Winkel der Welt, lässt Leuchtenmüller keinen Zweifel. Für Intensität und Authentizität bürgen in seinen Augen auch Schuljahrbücher und mitabgedruckte Fotos. Am Ende weiß Leuchtenmüller mehr. Über die Eigenheiten der Mennoniten und ihren innovativen Umgang mit Flora und Fauna, über den lautmalerischen Reichtum des Plautdietschen, aber auch über das Zwielicht mennonitischer Moralvorstellungen. Letztere betreffend bedankt sich der Rezensent extra, weil ihm dadurch klar wird, dass hier kein nostalgisches Paradies beschworen wird, bloß eine bescheidene Kultur am anderen Ende der Welt.
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