Salman Rushdie

Die elfte Stunde

Erzählungen
Cover: Die elfte Stunde
Penguin Verlag, München 2025
ISBN 9783328604686
Gebunden, 288 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Indien, England, Amerika - die großen Stationen in Salman Rushdies Leben bilden auch die Schauplätze seines Erzählungsquintetts, in dem er sich mit der elften Stunde des Lebens auseinandersetzt, der Zeit, in der das Leben und der Tod immer näher aneinanderrücken. Zwei streitlustige und doch unzertrennliche alte Männer, eine Musikerin, die ihre Gabe nutzt, um eine Familie zu zerstören, der Geist eines Dozenten, der sich an seinem Peiniger rächen möchte - Rushdies Erzählungen leben von ihren unvergesslichen Charakteren und gehen mit viel Weisheit den großen Fragen des Lebens nach.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2025

Rezensent Hubert Spiegel nennt die neuen Erzählungen von Salman Rushdie ein Buch über die Rache, das Alter und den Tod. Rückblicke, unter anderem auf Rushdies Zeit in Cambridge, entdeckt Spiegel in den fünf Erzählungen allenthalben. Doch der Realismus wird immer wieder durchbrochen durch Ironie und mannigfache "Märchensignale", erklärt Spiegel. Worum es dem Autor eigentlich geht, etwa wenn er von einem Schriftsteller erzählt, der als Toter erwacht und sich fortan als "immaterielles Ebenbild" begleitet, ahnt Spiegel auch: Zeitkritik am ethisch-moralischen Verfall der Gesellschaft, an Intoleranz und Repression. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.11.2025

Salman Rushdie ist nach seinem erschütternden Bericht über das auf ihn verübte Attentat 2022 nun zurück in der Welt der Fiktion - leider kann Rezensent Hernán D. Caro den fünf Geschichten kaum freudig begegnen. Versprochen werde vom Verlag eine "Einheit" um die Themen Alter, Vergänglichkeit und Existenzfragen - was teils stimme, teils auch nicht, vermittelt Caro: in der Eröffnungsgeschichte "Im Süden" von 2009 gehe es um zwei Greise und deren Hassliebe, in der letzten Geschichte um einen titelgebenden "alten Mann auf der Piazza", aber dazwischen eben auch um die "Zerbrechlichkeit des öffentlichen Diskurses", um eine magische Musikerin und ihre schlimme Ehe, oder um eine junge Studentin, die mit den Toten reden kann. Diese thematischen Sprünge stören den Kritiker aber viel weniger als die generelle Schreibweise der Geschichten: zwar klinge der humorvoll-magische Ton aus frühen Rushdie-Werken leise an, aber inhaltlich verpuffen die meisten Geschichten recht schnell in "erzählerischer Unentschlossenheit" und verlieren sich stattdessen ein bisschen angeberisch in unzähligen literarischen Anspielungen, die dann nicht vertieft werden, seufzt Caro. Am ehesten scheint ihm noch die erste Geschichte an Rushdies alte Form heranzureichen, aber insgesamt muss er leider festhalten: lange Texte mit vielen Abschweifungen und wenig "Vitalität" - da hat sich der Kritiker eindeutig mehr erhofft.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 13.11.2025

Rezensent Hannes Stein freut sich sehr über dieses Buch, in dem Salman Rushdie wieder zu Fabulierkunst seines Frühwerks zurückkehrt und die didaktische Wendung, die sein Werk seit der Fatwa bisweilen genommen hat, hinter sich gelassen hat. Stein fasst alle fünf Geschichten, die dieses Buch umfasst, kurz zusammen und informiert, dass in allen fünf ältere Männer eine wichtige Rolle spielen. Welche der fünf ist nun die beste? Stein kann sich zwischen den so rührenden wie raffinierten Storys kaum entscheiden: Vielleicht ist es jene über einen nach seinem Tod auf dem Campus spukenden Professor? Oder ist es doch die Geschichte, die aufgebaut wie eine Matrjoschka, Franz Kafka in den Mittelgrund stellt? Wie auch immer: Rushdies Mix aus Ironie ohne Zynismus funktioniert laut Stein nach wie vor ganz hervorragend.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 13.11.2025

"Auf dem Zenit seines Könnens" ist Salman Rushdie für den Rezensenten Oliver Jungen mit dem neuen Erzählungsband, in dem viele bekannte  Motive wieder auftauchen: Aus dem Roman "Mitternachtskinder"  beispielsweise kennt er die Geburt eines Kindes mit magischen  Fähigkeiten, hier ist es eine Tochter, die klug und auf Basis literarischer wie mythologischer Vorbilder Rache an allen übt, die ihr Übles tun. Auch um Vergänglichkeit geht es immer wieder, so auch, wie  Jungen schildert, in der Geschichte eines Schriftstellers, der sich  plötzlich in einen Geist verwandelt findet. Für Rushdie typisch liest der  Kritiker hier eine Menge literarische und biografische Bezüge und erfreut sich einmal mehr an der hohen Kunst des Autors.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.11.2025

Rezensent Roman Bucheli liest das neue Buch Salman Rushdies als literarische Bearbeitung autobiografischer Erlebnisse des Autors, insbesondere hinsichtlich der 1989 erlassenen iranischen Fatwa. Bucheli hebt vor allem zwei der fünf hier versammelten Erzählungen als besonders gelungen hervor, beide handeln von Figuren, die sich auf der Schwelle zwischen Leben und Tod befinden. In "Saumselig", lesen wir, geht es um einen untoten auf einem Campus herumspukenden Professor, "Oklahoma" hingegen entwirft ein literarisches Spiegelkabinett um einen Autor, dessen Manuskript an seinem Todestag bei einem Verlag eingeht. Bucheli scheint ziemlich angetan davon zu sein, wie Rushdies poetischer Realismus biografische Splitter aufgreift und literarisch umformt - eine wichtige Rolle spielt im Fall von "Oklahoma" dabei auch Franz Kafkas unvollendeter Roman "Der Verschollene". Insgesamt beschreibt Bucheli das Buch als eine reichhaltige, zärtlich-melancholische Reflexion aufs eigene Überleben im Angesicht des Todes.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.11.2025

Rezensent Felix Stephan fühlt sich wohl in diesem neuen Buch Salman Rushdies, das fünf Erzählungen versammelt, in denen sich Vieles um den Tod dreht. Auf eine Art freilich, die dem Sterben den Schrecken nimmt, was auch angesichts des Attentats, das Rushdie 2022 nur knapp überlebte, erstaunlich ist. Stephan geht auf zwei der Erzählungen näher ein, eine handelt von einem Professor, der wohl gerade gestorben ist und, als Geist den Campus unsicher machend, einer indischen Studentin begegnet, die andere von einem Paar, dessen Tochter in jungen Jahren zum Klaviergenie avanciert. Eine Hinwendung zu Rushdies Geburtsland Indien macht Stephan in den hier versammelten Geschichten, die durchaus auch zu unterhalten verstehen, aus. Insgesamt fügt sich das neue Buch hervorragend in das Alterswerk eines offensichtlich trotz allen Anfechtungen ungebrochen lebensfrohen Autors, schließt die positive Besprechung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.11.2025

Rezensent Arno Widmann folgt Rushdie nur zu gerne in die erzählerische Fülle, die er in diesen fünf Erzählungen ausbreitet. Widmann gibt nach der Rekapitulation der bekanntesten Lebensstadien Rushdies - das Verbot und die einsetzende Verfolgung durch die iranische Regierung nach der Veröffentlichung seines zweiten Romans "Mitternachtskinder", das Messerattentat im August 2022 - zu, dass er dagegen den Inhalt dieser Erzählungen nicht wirklich zusammenfassen kann. Dafür seien die darin entwickelten Verflechtungen mit anderen Erzählsträngen zu zahlreich. Der Kritiker kann nur wenige Erzählung antippen: in einer geht es um einen universitären Ehrengast namens Arthur, der plötzlich als Geist aufwacht und zusammen mit einer 18-jährigen, indischen Studentin Rache an jemanden nehmen will. In einer anderen gehe es Rushdie um die Verhandlung der Rolle der Sprache, die, personifiziert als junge Frau, versucht, sich in einer Diskussion mit einem alten Mann Gehör zu verschaffen. Fasziniert und beeindruckt liest Widmann Rushdies schlichte, vor Ideen überquellende Prosa und sieht ihn als Jongleur, der herausfinden möchte, wie viele Bälle er zeitgleich in der Luft halten kann. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 11.11.2025

Keine Sternstunde im Werk Salman Rushdies ist dieser Erzählband, findet Rezensent Kais Harrabi. Die fünf Geschichten, die diese Veröffentlichung versammeln, drehen sich um Themen wie Alter und Tod, wobei Harrabi anmerkt, dass diese inhaltliche Verbindung letztlich vage bleibt. Die Fabulierlust ist Rushdie keineswegs vergangen, stellt der Kritiker klar, es wimmelt in den Geschichten nur so vor verzauberten Melodien, Gespenstern, die Universitäten heimsuchen, sogar die Sprache selbst hat einen figuralen Auftritt. Nur, worauf Rushdie mit all dem hinauswill, wird Harrabi nicht so ganz klar, vieles wirkt wie eine spontane Niederschrift beliebiger Gedanken. Etwas mehr Stringenz hätte den Geschichten jedenfalls gut getan, urteilt der Rezensent, der hingegen lobende Worte für Bernhard Robbens Übersetzung findet. Das war eher nichts, heißt es am Schluss, trotzdem freut sich Harrabi auf Rushdies hoffentlich bald erscheinenden neuen Roman.

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