Das 19. Jahrhundert gilt als Epoche einer fundamentalen Säkularisierung von Staat und Gesellschaft. Vorreiter in diesem Prozess waren die Arbeiterbewegungen und ihre Parteien. Die Untersuchung von Sebastian Prüfer zeichnet die identitätsbildende Auseinandersetzung der deutschen Sozialdemokratie mit der "religiösen Frage" zwischen 1863 und 1890 nach. Dazu rekonstruiert und analysiert Prüfer, wie der sozialdemokratische Religionsdiskurs sich auf Parteitagen und Kongressen, in Schriftwechseln und Publikationen führender Vertreter sowie in der regionalen und lokalen Parteipresse entwickelte, in Verbindung zu den entstehenden Mentalitäten und Ideologien der Arbeiterbewegung und vor allem im Verhältnis zu den konkurrierenden Religionsdiskursen von Katholizismus, Konservatismus und Liberalismus. Dabei wird deutlich: Weder eine "freie Religion" noch radikaler Atheismus waren innerparteilich mehrheitsfähig.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.03.2003
In dieser Berliner Dissertation Prüfers, eines "Kocka-Schülers", würde, schreibt Friedrich Wilhelm Graf, die "innere Widersprüchlichkeit" des Religions-Diskurses in der jungen Sozialdemokratie "gut sichtbar". Einerseits habe man Religion als "falsches Bewusstsein" zu brandmarken und sich als "Partei der Moderne" zu präsentieren versucht, andererseits aber hätte man auf die noch intakten Funktionen von Kirche und Religion Rücksicht nehmen müssen: Auch Genossen brauchen Trost, werden krank und sterben. Da sei Jesus, der Zimmermannssohn, dann sogar schon mal "zum ersten Sozialisten, der das Himmelreich auf Erden holen wollte" stilisiert worden, und der Sozialismus zum wahren Christentum. Prüfer erwähne außerdem sozialdemokratische Religionstheoretiker, die den Kompromiss mit dem Christentum in einer "Spezialmetaphysik des doppelten Himmels", wie Graf es nennt, auf die Spitze getrieben hätten: Dieser Himmel breche im Diesseits schon an, und setze sich im Jenseits dann nur noch fort. Graf meint wohl, dass das zusammengetragene Material sich am Ende gegen die Absicht des Autors wenden lasse. Prüfer versuche dann jedenfalls "mit schwachen Argumenten" den Eindruck abzuwehren, sein Textmaterial lasse es auch zu, den frühen sozialdemokratischen Diskurs als "politische Religion" zu deuten.
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