Sharon Dodua Otoo

So, in etwa, ist es geschehen

Roman
Cover: So, in etwa, ist es geschehen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026
ISBN 9783103977059
Gebunden, 144 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Sie sind auf dem Weg nach Timmendorfer Strand: Amata Haller und ihr Chef Heinz Brockhaus, der ihr angeboten hat, sie mit dem Auto dorthin zu fahren. Amata ist in Eile, ihre Mutter wartet, wie jedes Jahr am 3. Mai. An diesem Tag jährt sich der Untergang der Cap Arcona, jene Katastrophe gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, die ihr Großvater nur knapp überlebt hat. Die Hitze drückt auf die überfüllten Straßen, die Fahrt wird immer länger, Brockhaus redet ununterbrochen, und Amata verliert die Fassung. Am Ende des Tages wird Brockhaus nicht mehr leben, und Monate später wird Amata vor Gericht stehen. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 05.05.2026

Ein "Lehrstück", dessen Lehre für Rezensentin Shirin Sojitrawalla leider "seltsam unklar" bleibt: Sharon Dodua Otoo erzählt hier die Geschichte eines Mordes, nämlich von Amata Haller an ihrem Chef Heinz Brockhaus, der als Inbegriff des weißen alten Mannes gelten kann, so die Kritikerin, ein bisschen Martenstein, ein bisschen Schlemmer. Auf einer Fahrt an den Timmendorfer Strand, wo Amata allljährlich ihres Schwarzen Großvaters gedenkt, muss ihr Chef dran glauben. Es ist die Geschichte einer "Radikalisierung in Versatzstücken", die hier auch mit vielen intertextuellen Verweise auf Autorinnen wie Taiye Selasi, Toni Morrison, Audre Lorde und in ganz unterschiedlichen Textsorten, so beispielsweise das transkribierte Geständnis Amatas, erzählt wird. Selbst wenn sich die Kritikerin aber für eine allegorische Lesart entscheidet, wird ihr das Motiv des Mordes sowie die Botschaft, die hier vermittelt werden soll, nicht ganz klar, wie sie schließt.   

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2026

Sharon Dodua Otoos neuer Roman ist eine Provokation, findet Kritiker Fridtjof Küchemann, aber eine unbedingt lesenswerte: Ihre Protagonistin Amata Haller, afrodeutsch, bringt den Chef des Wohltätigkeitsvereins um, für den sie arbeitet. Die beiden waren auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung am Timmendorfer Strand, dort war Amatas Großvater einer der wenigen Überlebenden der Katastrophe der Cap Arcona, lesen wir. Küchemann ist beeindruckt, wie Otoo die verschiedenen Gefühle zu vereinen weiß, Wut auf den Chef Brockhaus, Mitleid mit ihm, Verständnis für Amata, Verzweiflung, was die deutsche Erinnerungskultur angeht. Im Gespräch mit der Autorin erfährt der Rezensent, dass ihr von diesem Roman abgeraten wurde - wie gut, findet er, dass sie sich dieser "literarischen Erinnerungsarbeit" gestellt und ihn doch geschrieben und damit einen wichtigen Teil zur Sichtbarkeit afrodeutscher Geschichte geleistet hat.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.05.2026

Im Mai 1945 hat die Royal Air Force in einem schrecklichen Versehen Schiffe mit KZ-Überlebenden bombardiert, die sie für die deutsche Marine hielten, ein wenig bekanntes Unglück, dem Sharon Dodua Otoo ihren neuen Roman widmet, wie Rezensent Michael Wolf verrät. Ihre Protagonistin, die Afrodeutsche Amata, ist die Enkelin eines Überlebenden und erzählt diesen "Roman als Geständnis",  denn auf der Fahrt zu einer Gedenkveranstaltung erdrosselt sie ihren Chef, scheinbar ohne Grund, schildert Wolf. Das Buch stelle aber damit die Frage nach der Legitimation von Gewalt: Nicht der Chef Brockhaus ist es, der hier getötet werde, sondern eigentlich eine Alte-weiße-Männer-Gesellschaft, die hier extrem übersteigert werde. Das ist für den Kritiker auch Anlass zum Seufzen, denn literarisch kann ihn diese Versuchsanordnung nicht überzeugen, die gleichzeitig Groteske und psychologisches Tiefenschürfen für sich beansprucht. Auch sprachlich erreicht das Buch für ihn nicht die Tiefe, die für ein solches Thema angemessen wäre.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.04.2026

Sharon Dodua Otoos afrodeutsche Protagonistin Amata bringt ihren weißen Vorgesetzten Heinz auf einer Autofahrt an die Ostsee um, eine Fahrt, die gesättigt ist mit Geschichte, wie Rezensentin Susanne Romanowski verrät. Der Roman präsentiert sich als Collage und als mündliche Erzählung, lesen wir, und gewinnt dadurch an Dringlichkeit. Amata ist auf dem Weg an die Lübecker Bucht, wo 1945 die Cap Arcona von den Briten versenkt wurde, die nicht wussten, dass sich darauf rund 7500 KZ-Häftlinge befanden, von denen die meisten starben, erzählt Romanowski, der Großvater der Protagonistin war einer von wenigen Überlebenden. Die Kritikerin lobt das reiche Netz an Anspielungen auf schwarze Kultur, das Otoo zwischen Toni Morrison und Theodor Wonja Michael aufspannt, beeindruckt ist sie auch von der Fähigkeit der Autorin, Trauma und Gewalt erfahrbar zu machen. Da hätte es den eher platten Teil zu Heinz' Empfindungen nicht unbedingt gebraucht, findet sie. Warum Amata den Mann umgebracht hat, erfährt man nicht, aber das stört die Rezensentin nicht, ist er doch ein "so unangenehmer Mann, dass die Frage nach dem Motiv sich erübrigt".

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