Igiaba Scego

Kassandra in Mogadischu

Roman
Cover: Kassandra in Mogadischu
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024
ISBN 9783103976199
Gebunden, 416 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. In Italien zählt Igiaba Scego schon lange zu den wichtigsten Stimmen des Landes. Nun legt sie einen autofiktionalen Familienroman vor, geschrieben als Brief einer Autorin an ihre Nichte im fernen Kanada. Scego erzählt von Brüdern und Schwestern, von Mogadischu und Italien, von einem Silvesterabend 1990 in Rom. Ein Mädchen macht sich fertig für eine Party, als im Fernsehen verkündet wird, dass in Somalia ein Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Das Mädchen geht auf die Party, aber wird sich den Rest seines Lebens daran erinnern, wie in diesem Moment der Jirro, die Krankheit der Diaspora, in ihren Körper eingezogen ist. Ein Zustand, der dazu führt, dass die Familie eine Generation nach Kriegsbeginn so in die Welt zerstreut ist, dass Verwandte oft nicht einmal mehr eine gemeinsame Sprache haben. Am Telefon, in Briefen und Gesprächen trotzt die Tante der Sprachlosigkeit. Faden um Faden verwebt sie Welt- und Familiengeschichte, Schrecken und Liebe zu einer großen Erzählung der Hoffnung.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 27.11.2024

Rezensentin Sigrid Brinkmann liest Igiaba Scegos Roman nicht zuletzt als "Liebeserklärung" an die Mutter, über die die Autorin selbst erst viel erfuhr, als sie am Roman arbeitete. So schildert die italienische Autorin etwa berührend und warmherzig, wie die Mutter, die kurz vor Kriegsbeginn überstürzt nach Mogadischu reiste und für zwei Jahre verschollen blieb, in einer Familie nomadischer Kamelhüter aufwuchs und lesen und schreiben lernte. Darüber hinaus wirft Scego einen intensiven und bewegenden Blick auf den somalischen Bürgerkrieg, meint die Kritikerin, die keine Probleme mit der auf "Kohärenz" verzichtenden Briefform des Romans hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.10.2024

Igiaba Scego erzählt von der kolonialen Vergangenheit Italiens, von der Emigration ihrer Familie aus Somalia nach Italien und vom Leben in Rom, und Jörg Häntzschel kann nicht genug lobende Worte dafür finden. Scego gehe es nicht darum, die Europäer mit ihrer Gewaltgeschichte zu konfrontieren oder mit ihrem oft niederschwellig rassistischen Verhalten gegenüber schwarzen Einwanderern im Alltag. Nein, es geht ihr um etwas anderes, betont der Kritiker: In einem langen Brief an ihre Nichte in Montreal verarbeitet Scego den Alltag als Außenseiterin, den Bürgerkrieg in der Heimat ihrer Eltern und die fragilen Beziehungen einer über die ganze Welt verstreuten Familie. Häntzschel ist beeindruckt von dieser Prosa, die die Erfahrung von Krieg und Migration ganz körperlich vermittle. Scego will mit ihrem Schreiben nüchtern und aufgeklärt die Geschichte ihrer Familie dechiffrieren und und die Jüngeren in der Familie literarisch gegen Verletzungen wappnen, erklärt er. Das lädt den Leser zum Zuhören und Mitfühlen ein, für den Kritiker die "große Stärke des Romans".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.10.2024

Die Kolonialvergangenheit Italiens in Somalia wurde in der Nachkriegszeit totgeschwiegen, weiß Rezensentin Andrea Pollmeier. Igiaba Scego, die mit der Erzählerin ihres autofiktionalen Romans gleichzusetzen ist, holt sie nun mit "poetischer Kraft" hervor, so die Kritikerin. Die Geschichte ihrer Familie, die aus dem italienisch besetzten Somalia nach Rom zog, macht die Autorin zum Teil einer weitreichenden Analyse über historische Traumata und und folgt dabei den "Methoden der Erinnerungsforschung", wie Pollmeier anmerkt. Feinsinnig und nicht vor der Komplexität der Realität zurückschreckend, führt Scego die Realität in der Diaspora vor Augen, so die Kritikerin, gleichzeitig spielt der Krieg gegen Äthiopien, für den Italien somalische Soldaten zwangsrekrutierte, eine zentrale Rolle: Das "Echo des damaligen Wahnsinns" wirkt in der Erzählerin nach und wird wohl noch viele Generationen nach ihr verfolgen. Dennoch liest man Kassandra als eine "Widerstandskämpferin", die in ihrem Unglück nicht verharrt, sondern sich Techniken aneignet, damit umzugehen, schließt die beeindruckte Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2024

Rezensent Niklas Bender wundert sich, dass die deutschen Verlage erst jetzt darauf kommen, Igiaba Scego zu übersetzen, schließlich ist sie in Italien längst eine der wichtigsten literarischen Stimmen. Die Familie der Autorin kommt aus Somalia und lebt verstreut im Exil, was auch das Buch grundiert: Angelegt als Briefe an ihre Nichte schreibt sie über ihr "Jirro", der somalische Begriff für Krankheit, hier für eine Art Urwunde - das ist der Bürgerkrieg, erfahren wir. Ihre Mutter kämpft, die Tochter entwickelt als Reaktion eine Essstörung, sie "kotzte Granatwerfer, Revolver, Maschinengewehre", das wird ohne Illusionen, aber mit kleineren Abstrichen mit "großer Hellsichtigkeit" geschildert, so Bender. Ein Buch, das reich an interkulturellen Anspielungen ist und einen eigenen Stil ausbildet, wie er schließt.

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