Sibylle Berg

RCE

#RemoteCodeExecution. Roman
Cover: RCE
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2022
ISBN 9783462001648
Gebunden, 704 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Sibylle Bergs neuer Roman setzt da an, wo "GRM" endet - in unserer neoliberalen Absurdität, in der der Einzelne machtlos scheint. Der Kapitalismus ist alternativlos geworden. Das beste aller Systeme hat wenigen zu absurdem Reichtum verholfen und sehr vielen ein menschenwürdiges Dasein genommen. Die Krise ist der Normalzustand, Ausbeutung heißt nicht mehr "Kolonialismus" sondern "Förderung strukturschwacher Länder". Inflation, Seuchen, Kriege, Diktatoren, Naturkatastrophen, Müllberge. Und die Menschheit vereint nur noch in ihrer Todessehnsucht. Die Lage scheint ausweglos. Aber in einem abhörsicheren Container brennt noch Licht. Fünf Hacker programmieren die Weltrettung. Manchmal gibt es diese historischen Momente, in denen Mauern eingerissen werden, Frauen studieren und wählen dürfen, Rassismus nur noch in einigen Köpfen existiert, Geschlechter keine Rolle mehr spielen, in denen verschwindet, was Menschen für hundert Jahre für ein Naturgesetz hielten. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.05.2022

Etwas frustriert bleibt Rezensentin Miryam Schellbach nach der Lektüre von Sibylle Bergs zweitem Band ihrer geplanten Trilogie zurück. Nachdem die Revolution gegen den "Tech-Kapitalismus" im ersten Band gescheitert war, soll es diesmal etwas optimistischer zugehen in der Fortsetzung der Geschichte um eine Hackergruppe, die abermals zum Angriff aufs System ausholen. Begraben wird diese Handlung aber von einem "Abgesang" auf die in nicht weiter Ferne völlig "kaputtkapitalisierte" Gesellschaft - ganz erschlagen ist die Kritikerin von dem Schwall an Beschreibungen des abstoßenden Zustands der Dinge in Bergs Dystopie: Inmitten von Tagelöhnern, unter BOT-Anleitung vollzogenen Selbst-Operationen, Erdrutschen und vor sich hin vegetierenden Menschenmassen treiben Investoren und Banker ihr Unwesen, so Schellbach, und das alles fügt sich zu einer chaotischen, ekelerregenden und anstrengenden "Überwältigungsästhetik", die allerdings das derzeitige Gegenwartsempfinden "nicht schlecht trifft", wie sie anerkennen muss. Trotzdem drängt sich ihr nach der Lektüre hauptsächlich der Gedanke an das kulturelle Kapital auf, dass Sibylle Berg wiederum mit dieser Kapitalismuskritik anhäuft, so die resignierte Kritikerin.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 07.05.2022

Rezensentin Marlen Hobrack möchte sich nur ungern auf Sibylle Bergs neuen Roman einlassen. Dazu fordert sie der Text genau genommen auch nicht auf. Jedenfalls bieten ihr Plot und Figuren keinen Anlass zur Einfühlung, wie Hobrack feststellt, sondern ziehen sie in ein "sadomasochistisches Spiel". Einerseits soghaft anziehend, andererseits abstoßend, wirkt die detailreich dargestellte Dystopie einer durchkapitalisierten Welt der Totalüberwachung, gegen die sich eine Handvoll Weltverbesserer stemmen, auf Hobrack wie ein "wütender Rap", niederschmetternd und brachial. Zu den notwendigen Büchern zählt die Fortsetzung von Bergs Roman "GRM Brainfuck" für die Rezensentin offensichtlich nicht.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 07.05.2022

Rezensent Rainer Moritz sieht in Sibylle Bergs neuem Roman eine Art Fortsetzung von "GRM. Brainfuck". Laut Moritz schreibt Berg ihre Dystopie fort, indem sie ihre Figuren in einer postkapitalistischen, vergifteten und komplett überwachten Welt agieren lässt, die von dubiosen Konzernen regiert wird. Das erinnert den Kritiker an Dave Eggers, ist aber mehr als wohlfeile Gesellschaftskritik, so Moritz, weil Berg sich mit wissenschaftlichen Gegenkonzepten befasst hat. Dass die Figuren bloß Sprachrohre der so gewonnenen Erkenntnisse bleiben, findet Moritz allerdings bedauerlich. Etwas mehr Psychologie hätte die Lektüre weniger anstrengend gemacht, vermutet er. Komisch, human und zeitgemäß findet er das Buch aber dennoch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.05.2022

RCE - das ist die Remote-Code-Ausführung, die den Zugriff auf einen Computer aus der Ferne erlaubt, klärt uns Rezensentin Judith von Sternburg auf. Überhaupt wird man während der Lektüre des zweiten Teils von Sibylle Bergs groß angelegter Trilogie häufig googlen müssen, fährt die Kritikerin fort - den Spaß lässt sie sich aber nicht verderben. Auch nicht von der düsteren, gar nicht so fernen Zukunft, die Berg hier ausmalt: Eine Gruppe Nerds baut ein Medienimperium auf, mit dem Ziel, die Welt, wenigstens Europa zu retten: Durch die Übernahme von Netzwerken und in Folge der Meinungshoheit sollen die Menschen so manipuliert werden, dass sie sich der Revolution anschließen, resümiert Sternburg. Wie Berg dabei alle aktuellen Debattenthemen heranzommt, von Rassismus, Kolonialismus, Genderfragen und Gesundheitssystem bis hin zur Zukunft des Kulturbetriebs ("Mehr Nackte, die tanzen"), findet die Rezensentin bemerkenswert. Vor allem aber lässt sie sich mitreißen von Witz, Ironie, Tempo und dem "Blockbuster-Feuerwerk", das die Autorin zündet. Daran, dass Berg die Sache ernst meint, hat Sternburg keinen Zweifel. Naiv? Vielleicht, meint die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.05.2022

"Ist das noch Kitsch, oder ist es schon unfreiwillige Selbstparodie", fragt sich Rezensent Roman Bucheli nach der Lektüre des zweiten Teils von Sibylle Bergs umfangreicher Weltrettungs-Trilogie. So oder so liest der Kritiker hier nicht mehr als ein "Pamphlet" auf 700 Seiten und fährt böse fort: Die Geschichte einer Nerd-Gang, die die Welt retten möchte, nervt ihn mit "Kitsch und Pathos", Überraschungen, Anregungen zum Nachdenken  sind nicht zu erwarten, dafür eine Menge "Fäkalvokabular", seufzt Bucheli. Früher war Berg eine gute Autorin, inzwischen hat sie das Erzählen "aufgegeben", schließt er. Autsch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.04.2022

Rezensent Harald Staun wirkt frustriert nach der Lektüre von Sibylle Bergs zweitem Band ihrer geplanten Trilogie, was sowohl am Buch als auch am Gegenstand zu liegen scheint. Denn die postkapitalistische Dystopie, die sie hier entwirft - der Plot über eine Hackergruppe, die einen großen Plan hat, ist dabei eigentlich nur Aufhänger, lässt Staun durchblicken - ist im Grunde gar keine mehr, sondern einfach der, "real existierende Horror" unserer Tage, muss Staun feststellen: Selbstausbeutung im Homeoffice, völlige Individualisierung, Reizüberflutung bei gleichzeitiger Apathie - das ist ja weniger Fiktionalisierung als vielmehr bloße Bestandsaufnahme oder sogar "Empörungsjournalismus", überlegt der Kritiker, weiß andererseits aber auch nicht, was sonst man dem "Betriebssystem unserer Gegenwart" entgegensetzen sollte. Ein wirkungsvoller Effekt des Buchs entfalte sich dann ja gerade doch dort, wo die Grenze zwischen Realität und "Spinnerei" nicht mehr zu ziehen sei. Gibt es etwa die Steuervermeidungsstrategie namens "Double Irish with a Dutch Sandwich" nun wirklich?
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