Im Anfang war das Wort, aber es ist nicht Passwort geworden. Nur so konnte der Weltstoff Literatur sein umfangreiches Schreib- und Leseprogramm entfalten. Manchmal erschien auch ein Zeichen am Wörterhimmel, wenn eine Figuration von Lettern im Lauf der Gestirne lesbar wurde. Mallarme nannte die Sterne das "Alphabet der Nacht". Erst wo es gelingt, die Zeichen des Alphabets, die unsere Sprache so selbstverständlich begleiten, in eine poetische Konstellation zu bringen, treten sie uns unverbraucht entgegen, werden wieder kostbar und führen uns auf die Fährte neuer Lektüren. Die Wörter müssen fremd werden, damit wir sie neu wahrnehmen und ihr poetisches Potential entschlüsseln können. Die Melodie, nach der die Buchstaben beim "Konzil der Planeten" tanzen, folgt der Partitur der Zahlen. Nur durch ein Regelwerk können wir dem empirisch unwahrscheinlichen Fall, dass aus Sprache Dichtung wird, begegnen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.03.2011
So ein Glück: Felix Philipp Ingold hat sich noch nicht durch einen Rezensionsautomaten ersetzen lassen, wie ihn der Versautomat, pardon, Autor Stephan Krass in seiner Sammlung anagrammatischer und alphanumerischer Verskunst in der Tradition eines Eugen Gomringer oder Emmett Williams propagiert. Dass der Autor noch Daseinsberechtigung hat, möchte Ingold angesichts der hier versammelten Texte, also lyrischen Wortkonstellationen, eigentlich nicht glauben. Schließlich, findet Ingold, kann den Job jeder Wortknobler übernehmen, der keine totale Null ist im Kreuzworträtseln und Scrabble. Gut nur, meint er, dass der Leser bei derartiger Simplizität auch kein Kanonkenner oder Verslehrer zu sein braucht. Obwohl, so gesehen könnte ja eigentlich ein Leseautomat sich des Bandes annehmen.
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