Im Mittelpunkt der Geschichte der reinen Poesie stehen nicht Reinheitsphantasmen des Künstlers, sondern die künstlerische Arbeit an der Sprache selbst. Diese künstlerische Arbeit setzt das seit dem frühen 17. Jahrhundert bestehende Bemühen um eine Kultivierung der deutschen Literatursprache fort. Zugleich geht es um eine Emanzipation der Poesie von nicht-poetischen Elementen, etwa der wirkungsorientierten Rhetorik. Die Poesie wird dabei nicht nur von der moralischen Wirkung (Goethe), von der Sprache der Prosa (Moritz) und von philosophisch-theoretischen Diskursformen (Schiller) gereinigt, sondern auch - und zuletzt - von der Sprache selbst (Hugo Ball). Das Buch legt in umfassenden Werkanalysen von der Weimarer Klassik über die Lyrik des 19.Jahrhunderts bis zum literarischen Dadaismus erstmals einen bislang vernachlässigten, eigenständigen Entwicklungsstrang der deutschen Literaturgeschichte frei.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.01.2012
Brillant, meisterhaft! Hans-Herbert Räkel geizt nicht mir Lob angesichts der bereits zweiten Auflage von Jürgen Brokoffs Untersuchung der reinen Poesie. Wie der Autor sich dem gegen Ende des 18. Jahrhunderts zentral werdenden Konzept der reinen Poesie annähert, über Karl Philipp Moritz und die Trennung von Poesie und Prosa, über die theoretischen Schriften Schillers und Goethes "Iphigenie", über Platen, Meyer und George, all das erscheint Räkel absolut überzeugend. Womöglich gerade auch, weil es Fragen provoziert. Etwa die nach der Vereinbarkeit von takthaltiger Lyrik und reiner Poesie. Am Ende jedoch blickt der Rezensent doch etwas misstrauisch drein. Was er als Konzept nachvollziehen kann, leuchtet ihm als vom Autor schließlich behauptete Tatsache nicht ein. Reine Poesie, meint er, das wäre die Sprache der Fische.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.07.2010
Der hier rezensierende Heidelberger Literaturprofessor Helmuth Kiesel stellt gleich zu Beginn seiner Rezension klar, dass er nur deshalb nicht über Jürgen Brokoffs "Geschichte der reinen Poesie" ins Schwärmen gerät, weil ihm die akademische Strenge dies verbiete. Aber eigentlich ist er begeistert von diesem Werk, in dem er die Philologie ihrer Vollendung entgegen gehen sieht. Brockoff schreibt, so erklärt es Kiesel, die Geschichte der "reinen Poesie" vollkommen neu, bisher sei ihr Beginn mit Paul Valerys "poesie pure" zugeschrieben worden. Doch Brockoff verorte sie schon in der deutschen Klassik, die bemüht war, die poetische Sprache von der Gebrauchssprache zu trennen. In weiteren Kapitel wendet sich Brockoff dann August von Platen, Conrad Ferdinand Meyer, Stefan George und - ja - Hugo Ball zu. Dass Hölderlin kein Kapitel hat, erklärt Rezensent Kiesel damit, dass dessen "hohe Dichtung" nicht die "geputzte Sprache" voraussetzt. "Mustergültig" findet Kiesel das Werk.
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