Thomas Brasch

Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer

Gedichte aus dem Nachlass
Cover: Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783518413432
Gebunden, 199 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Fritz J. Raddatz und Katharina Thalbach. "Ich stehe für niemand anderen als für mich", erklärte Thomas Brasch 1977, nachdem er, 31jährig, die DDR verlassen und sich für ein Weiterleben und -arbeiten im Westen entschieden hatte. Und dabei blieb es auch, ein viel zu kurzes Leben lang. Brasch war nur sich selbst verantwortlich, ungebärdig und nur dann zu Kompromissen fähig, wenn sie sich mit seinen persönlichen Erfahrungen und seiner dichterischen Phantasie decken ließen. Es entstanden dabei Werke von zarter Schönheit und wilder Kraft, poetische Zeichen aus einer Welt, von der man, lesend, hörend, sehend, nicht genug kriegen konnte: Gedichte, Stücke, erzähle Prosa, Übersetzungen, Filmarbeiten. Als Thomas Brasch im November 2001 starb, hinterließ er, nebst anderem, eine ganze Reihe von Gedichten, die der Autor selbst noch zu einem Band zu komponieren versucht hatte.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.03.2003

Unbekümmert gesteht die Rezensentin Tina Gintrowski ihre Unkenntnis. Wer war Thomas Brasch? Ein Übersetzer und Autor von Theaterstücken, Prosa und Gedichten, der 1976 die DDR verließ und in den Westen übersiedelte. Ebenso unbekümmert gesteht Gintrowski die Begeisterung, die sie gleich beim Lesen der ersten von 150 Gedichten empfand, die in diesem Nachlassband enthalten sind. Fast roh erscheinen sie ihr und von einer "schmerzhaften Schönheit", die von der inneren Zerrissenheit des Autors zeugten. Dennoch dürfe man Prosa und Gedichte nicht auf die Biografie des Autors reduzieren, warnt Gintrowski. Weder in der Form noch in den Themen sprächen die Gedichte aus dem Nachlass eine gemeinsame Sprache, fasst sie zusammen, doch könne man ihnen gegenüber nie gleichgültig bleiben. Im Kapitel "Varia" sind unfertige Arbeiten vereint, berichtet Gintrowski weiter, was den Vorteil biete, Einblick in die Arbeitsweise des Autors zu nehmen, da teilweise zwei oder drei Varianten eines Gedichtes abgedruckt seien. Je fragmentarischer, desto mehr sei Brasch bei sich.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.11.2002

Mehrfach fühlt sich Yaak Karsunke an Szenen aus Barbara Honigmanns Briefroman "Alles, alles Liebe!" erinnert, worin Thomas Brasch sogar mit einem Gedicht auftaucht, auch er in den 70er Jahren zu jener zerrissenen Dissidentenszene und Künstlerboheme zugehörig, die sich größtenteils aus Kindern ehemaliger jüdischer Antifaschisten zusammensetzte, denen die Ideale der Eltern längst abhanden gekommen waren. Brasch ging in den Westen, wo er zunehmend an Kreativität einbüßte, weil er, wie Karsunke meint, seinen Bedeutungsverlust im öffentlichen Leben nicht verkraftete. Für Karsunke stellt die Auswahl der nachgelassenen Gedichte insofern die Dokumentation eines Scheiterns dar. Kritisch beäugt der Rezensent die in seinen Augen zu nachsichtige Auswahl der Herausgeber Katharina Thalbach und Fritz J. Raddatz, die bekanntermaßen als Freunde und nicht als strenge Lektoren agiert haben. Zudem stört Karsunke der Verzicht auf jegliche Datierung, so dass sich die Leser durch ein wilden Durch- und Nebeneinander von Texten kämpfen müssten. Doch trotz der fehlenden Chronologie dokumentieren die Texte für Karsunke die nachlassende Schaffenskraft, zeugen von Drogenmissbrauch und erotischer Libertinage, von Selbst - und Weltekel, worin nur noch gelegentlich die alte Wortkraft aufblitze.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.11.2002

Martin Krumbholz widmet sich in seiner Doppelbesprechung von zwei Gedichtbänden Braschs eingehender diesem aus dem Nachlass zusammengestellten Buch. Er scheint zunächst etwas ungehalten über die Textzusammenstellung, die für ihn vor allem bei den längeren Gedichten mitunter eher wie eine "flüchtige Materialsammlung" wirken, deren endgültige Form der Autor noch hätte finden müssen. "Zu vieles" sei einfach nicht fertig, kritisiert Krumbholz. Dennoch ist der Rezensent auch auf Gedichte gestoßen, die "nachhallen", was ihn zu entschädigen scheint. Und am Ende nimmt er seine Vorbehalte gar zurück und offenbart seine "Sympathie" dafür, dass die Herausgeber all diese zum Teil recht fragmentarischen Gedichte "unzensiert" veröffentlicht haben. Denn in der nachgelassenen Lyrik findet Krumbholz auch "vollendete" Gedichte, wie "Napoleon und Lysistra", an dem er sowohl die erzählerische "Ökonomie seiner Mittel" wie die treffende Karikatur preist. In der Regel herrsche allerdings in Braschs Gedichten "Reflexion und Melancholie" vor, betont der Rezensent, der nicht endgültig entscheiden will, ob der "letztgültige Gestus", den man dem Autor zuschreiben sollte, eher die "Resignation" oder die "Revolte gegen das Nichts" sein sollte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2002

Von Gedichten, deren Zeilen seismografisch jede Erschütterung aufzeichnen, berichtet der rezensierende Schriftsteller Albert Ostermaier in einem Text, der gelegentlich in einen innigen, fast persönlichen Ton fällt. Jeder Verlust bleibe in Thomas Braschs Gedichten als Narbe zurück. Für die große Bedeutung der jetzt vorliegenden Edition spielt es Ostermaier zufolge keine Rolle, dass nicht mehr alle Gedichte datierbar waren. Brasch habe sie zu Lebzeiten nicht in Druck gegeben. In Mappen geordnet seien sie jedoch zur Veröffentlichung bestimmt gewesen. Ostermaier zufolge handelt es sich um "Autopsien am offenen Körper". Der Titel des Bandes sei Programm. Die Geschichte werde "eine innere", sie bekomme vier Wände und "einen Spiegel, der sie vervielfältigt". Trotz aller Intimität der Gedichte ist Brasch für Ostermaier kein leiser Dichter. Vielmehr verbinde Brasch schwerelos Privates mit Politischem, beispielsweise die Genickstarre beim Erwachen mit dem Schädelbasisbruch einer Kopfgeburt. Auch erzählen die Gedichte wohl noch einmal eine deutsch-deutsche Literaturgeschichte, lesen wir, deren Protagonisten gelegentlich auch in "Widmungsgedichten" wiederauferstehen.
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