Unter den Essstörungen nimmt die Bulimie eine Sonderstellung ein, da an ihr Erkrankte im Unterschied zur Anorexie und Adipositas vom Leibesumfang her unauffällig bleiben. Insofern handelt es sich um eine "heimliche" Essstörung. Die Heimlichkeit ist Ausdruck einer Beziehungsphobie, die sich nachweisen lässt, wenn man den Verlauf des Symptoms, ausgehend vom Planen eines Essanfalls bis hin zum Befinden der Patienten nach dem Erbrechen, untersucht. Die Entstehung und die defensive Funktion des Hungers ist ebenso Gegenstand der Untersuchung wie die sich im Anfallsverlauf ändernde Bedeutung der Nahrung. Die Anamnese zeigt, dass es sich bei der Bulimie nicht ausschließlich um eine Erkrankung der Pubertät handelt, dass sie vielmehr bereits in der Kindheit angelegt wird und dort in beträchtlichen Symptomen ihre Vorgeschichte hat, denen sich später das Esssymptom anfügt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2002
Kein Buch für interessierte Laien, sondern ein klarer Fall für den Spezialisten, behauptet Horst Petri. Denn Ettl, in Frankfurt ansässiger Psychoanalytiker, verzichte auf jeden interdisziplinären Ansatz, was für Petri mehr zum Verständnis aber auch zu Fragen nach Therapiemöglichkeiten der Bulimie beigetragen hätte. Statt dessen serviere Ettl den Lesern eine voluminöse Studie, die sich auf selbstbehandelte Fälle und anderer Leute Therapieberichte stütze sowie auf eine Unmenge Fachlektüre, die für Petri reichlich unstrukturiert verarbeitet worden ist. Typisch für die Psychoanalyse und darin der Gentechnik ähnlich, spottet der Rezensent: je mehr man versuche das Geheimnis Mensch zu entziffern, desto rätselhafter werde es. Ettls Definition der Erkrankung ist Petri zu allgemein und ihre Rückführung auf die typische "Bulimie-Mutter" findet er mehr als zweifelhaft, da sie nur der Stigmatisierung und Schuldzuweisung diene. Insgesamt, so Petri: ein "Lehrstück psychoanalytischer Akrobatik". Das ist nicht als Kompliment gemeint.
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