Ein chinesischer Kaiser, der von der totalen Herrschaft über die Zeit träumt, Autorinnen aus dem 19. Jahrhundert, die sich gegen die Zwänge ihrer Wirklichkeit auflehnen, ein Mädchen im Simmering des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, am Rand der Stadt und am Rand der Weltgeschichte: Thomas Stangl löst einzelne Momente der individuellen Lebensgeschichte, eigener und fremder Familiengeschichten sowie weit entfernte historische Momente aus ihren Zusammenhängen und montiert sie zu neuen Konstellationen. Er verwebt Gesten, Handlungen und Szenen zu einem faszinierenden, jeder Zeitordnung enthobenen Roman und errichtet einen kontrastreichen Erzählraum, in dem vermeintliche Selbstverständlichkeiten neue Bedeutung gewinnen und konventionelle Vorstellungen von Biografie, Identität und Wirklichkeit verloren gehen.Quecksilberlicht ist ein Roman soghafter Kraft über Geschichte, das Vergehen der Zeit und das Fortleben alles Geschehenen in unser aller Leben. Der chinesische Kaiser hielt sich für das Zentrum des Universums und versuchte, durch die Einnahme von Quecksilber unsterblich zu werden; er starb an Quecksilbervergiftung.
Rezensent Lothar Müller warnt vor der Unordentlichkeit in Thomas Stangls neuem Roman. Ausgehend vom Blick auf einen Wiener Hinterhof erzählt der Autor laut Müller von seiner Familie, der kommunistischen Bewegung und der Verfolgung der Wiener Juden, aber auch von sich selbst als Schreibendem, von den Schwestern Bronte und von einem chinesischen Kaiser. Keine chronologisch voranschreitende Erzählung, dafür eine mit Brüchen, Querverbindungen und Sprüngen durch Raum und Zeit liefert Stangl hier, erklärt der Rezensent. Ein quecksilbriges Stimmengewirr über die Erinnerung und das Innenleben des Schriftstellers, so Müller.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 29.08.2022
Rezensent Björn Hayer empfindet Thomas Stangls Roman als etwas überambitioniert. Das liegt nicht so sehr an Stangls "tröstlichem" Versuch, in der Anverwandlung der Stimmen literarischer Ahnen wie Antonin Artaud oder Proust, derjenigen eines Hund und allerhand anderer Hingeschiedener sich der eigenen Existenz zu versichern, sondern an der Ästhetik des Ganzen. Stangls Springen zwischen Geschichten schafft Desorientierung und sorgt für ein Auseinanderfallen des Textes, beklagt Hayer. Und was all die aufgerufenen Ahnen außer dem Tod eigentlich miteinander verbindet, erschließt sich dem Rezensenten auch nicht.
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