Mit dem Band "vom wuchern" legt Tim Holland sein Debüt vor, das man in seiner Form als durchaus ungewöhnlich bezeichnen kann. Das Buch besteht aus den beiden Teilen "nachdernacht" und "theorie des waldes", wobei der erste wie eine Landkarte gestaltet, der zweite ein eingelegtes Heft ist. Bei "nachdernacht" handelt es sich um einen raumgreifenden lyrischen Text, der die "Poesie der Fläche" (Franz Mon) neu auslotet und das Verhältnis von Schrift und Fläche untersucht. Das Grundgerüst bildet dabei ein Zyklus an Pantumen, Texten also, die in einer alten, ursprünglich malaischen Strophenform gebunden sind. Das Pantum wurde ursprünglich zu festlichen Anlässen mündlich vorgetragen, im 16. Jahrhundert erstmals schriftlich fixiert und fand im 19. Jahrhundert auch bei Schriftstellern in Europa Anklang. Das Pantum zeichnet sich durch ein strenges Wiederholungsmuster der Strophenform aus. Die zweite und vierte Zeile der vierzeiligen Strophen werden zur ersten und dritten Zeile des darauffolgenden Vierzeilers. Die Strophenzahl - und damit die Länge des Gedichtes - ist variabel. Durch die zyklischen Wieder-holungen der einzelnen Zeilen entsteht ein Ringelreihen, und durch die Verknüpfung mit hinzukommenden Zeilen gehen die Verse immer neue Sinnzusammenhänge ein. Das Ende des Pantums findet sich in der Aufnahme der ersten und dritten Zeile des ersten Vierzeilers. Wo sonst das Gedicht frei auf der Buchseite steht, lagern sich bei der Textfläche nachdernacht prozessual weitere Sprach- und Satzpartikel am einzelnen Text ab, ergänzen und kommentieren. Die hoch verdichtete Gedichtform wird aufgesprengt, Verse werden wiederholt, remixed und weitergesponnen. Zum Teil inhaltlich assoziativ, zum Teil lautassoziativ und anagrammatisch, entfaltet sich der Text und spannt sich auf zu einem Netzwerk, das keinen eindeutigen Anfang oder Ende vorgibt. Der Leser muss sich selbst im Textgeflecht orientieren. "Ein textliches Wurzelwerk soll entstehen, in dem die einzelne Zeile zu oszillieren, der Text zu zittern beginnt", so der Autor.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 27.04.2016
Rezensent Philipp Bovermann bekommt halb Karte, halb Gedichtband mit Tim Hollands Debüt. Das Erkenntnisversprechen beider aber zieht ihn an und enttäuscht ihn auch nicht. Das doppelte Vermessen des Waldes durch den Autor gelingt laut Bovermann wunderbarerweise mittels Abschweifungen, Überschüssigem, Ineinander-Verfließen von Zeilen und des Verzichts auf ein Zentrum. Dialektisch zwischen Karte und Gedicht sich bewegend, scheint es, sieht der Rezensent den Wald vor lauter Bäumen.
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