Tove Ditlevsen

Kindheit

Teil 1 der Kopenhagen-Trilogie
Cover: Kindheit
Aufbau Verlag, Berlin 2021
ISBN 9783351038687
Gebunden, 118 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. In "Kindheit" erzählt Tove Ditlevsen vom Aufwachsen im Kopenhagen der 1920er Jahre in einfachen Verhältnissen. Tove passt dort nicht hinein, ihre Kindheit scheint wie für ein anderes Mädchen gemacht. Die Mutter ist unnahbar, der Vater verliert seine Arbeit als Heizer. Sonntags muss Tove für die Familie Gebäck holen gehen, so viel, wie in ihre Tasche hineinpasst, und das ist alles, was es zu essen gibt. Zusammen mit ihrer Freundin, der wilden, rothaarigen Ruth, entdeckt Tove die Stadt. Sie zeigt ihr, wo die Prostituierten stehen, und geht mit ihr stehlen. Aber eigentlich interessiert sich Tove für die Welt der Bücher und hat den brennenden Wunsch, Schriftstellerin zu werden - und dafür ist sie bereit, das Leben, wie es für sie vorgezeichnet scheint, hinter sich zu lassen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.02.2021

Rezensent Ekkehard Knörer haben Tove Ditlevsens Erinnerungen nachhaltig beeindruckt. "Geradezu furchterregend ehrlich" erzählt sie ihm zufolge in den ersten beiden Bänden von den Schwierigkeiten, als Frau im Dänemark der 1930er und 1940er Jahre Schriftstellerin sein zu wollen. Im dritten und letzten dreht sich dann alles um ihr Unglück mit den Männern, die mit ihrem Erfolg nicht zurechtkommen, und ihre Sucht nach Betäubungsmitteln, so Knörer. Ihn hat Ditlevsens Art, die widrigen Umstände für kreative Frauen maximal schonungslos zu sezieren, an Annie Ernaux' Texte erinnert: Beide setzten der feindlichen Welt ihre widerständige Literatur entgegen, schließt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.02.2021

Rezensent Steffen Herrmann zieht Tove Ditlevsens autobiografische Trilogie den Ich-Texten eines Knausgard scheinbar vor. Die lakonische Sprache und, anders als bei Kanusgard, die ungebrochene Nähe zum Erzählten, ohne Metaebene, findet er überzeugend. Darüber hinaus fasziniert ihn die Geschichte der Ich-Erzählerin von ihrer Kindheit im Stockholmer Arbeiterviertel Vesterbro, ihrer Jugend und dem Ringen um Anerkennung als Dichterin und um sozialen Aufstieg, die Ditlevsen auf die drei Bände verteilt. Wie sich etwa im ersten Teil poetische Momente mit brutalen Visionen mischen, scheint Herrmann zu gefallen. Die weitgehend chronologische, episodische Erzählweise ermüdet ihn zwischendurch ein wenig, aber im Ganzen möchte er die Bücher in der Übersetzung von Ursel Allenstein dem deutschen Publikum ans Herz legen.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 30.01.2021

Rezensent Jens Uthoff freut sich über die Wiederentdeckung der dänischen Schriftstellerin Tove Ditlevsen, deren autobiografische Romane für ihn als Vorläufer der Bücher von Didier Eribon und Karl Ove Knausgard durchgehen. Nur dass Ditlevsen von Bildungsaufstieg und Klassenflucht mit stärkerer Verdichtung und Präzision erzählt, wie Uthoff feststellt. Den ersten Teil von Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie über eine Kindheit in einem Kopenhagener Arbeiterviertel in den patriarchalischen 20er Jahren verschlingt Uthoff, auch oder gerade weil Zeitgeschichtliches eher als Hintergrundrauschen vorkommt und die Autorin sich auf mal erzählende, mal essayistische Weise, aber stets packend, wie Uthoff versichert, ihrer Coming-of-Age-Geschichte widmet.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 28.01.2021

Sehr beeindruckt ist Rezensent Jan Drees von der dänischen Schriftstellerin, vor allem aber auch der "berückend klaren Übersetzung" durch Ursel Allenstein, in der ihr Werk nun vorliegt. Nach diesem ersten Band der Trilogie sollen in schneller Folge auch die beiden weiteren erscheinen, verrät er uns, nachdem sich einige ungelenke Übersetzungen in den 1960er Jahren nicht hatten durchsetzen können. Wir erfahren viel von dem begeisterten Kritiker über das Leben der einstmals bekanntesten Lyrikerin Dänemarks - 1939 erschien ihr erster Gedichtband -, etwa dass sie viermal verheiratet war, Drogen- und Psychiatrieerfahrung hatte, einige Suizidversuche unternahm und ihr ganzes Leben zum Material zum Schreiben machte. Allerdings solle man sich nicht täuschen lassen, so der Kritiker, sie habe nicht etwa autobiografisch geschrieben. Der "Kindheit"-Band etwa sei "absichtsvoll kindlich" geschrieben und durchaus mit Markern versehen worden, die es als Fiktion ausweisen. Jan Drees zitiert so häufig, dass man deutlich den lakonischen Ton hört, in dem diese Geschichte eines weiblichen Aufstiegs aus armen Verhältnissen geschrieben ist.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 19.01.2021

Rezensentin Meike Fessmann schwärmt für Tove Ditlevsens autofiktionale Prosa. Knausgard, Eribon und Co. hätten bei der 1917 geborenen Dänin in die Lehre gehen können, meint sie. Umwerfend findet Fessmann vor allem die Dichte des Erzählten, zwischen Ereignis und Erlebnis passt hier kein Blatt, erklärt sie. Erzählt wird eine Kindheit im Kopenhagener Arbeitermilieu und von einer Frühbegabten ohne Chance. Die Bilder, mit denen die Autorin das von Ängsten geprägte Innere der Protagonistin festhält, scheinen Fessmann berückend, "feinsinnig und brutal". Der erste Band von Ditlevsens Trilogie macht Lust auf mehr, findet die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.01.2021

Rezensentin Sophie Wennerscheid ist sehr froh darüber, dass Autorinnen wie Annie Ernaux, Rachel Cusk und Angelika Klüssendorf den deutschen Markt für das unsentimentale autofiktionale Schreiben von Frauen geöffnet hat, denn sie ist überzeugt, dass Tove Ditlevsens Erinnerungen sonst bestimmt nicht mehr ins Deutsche übersetzt worden wären. Was für ein Manko das gewesen wäre, zeigt ihr der erste Band ihrer "Kopenhagen-Trilogie": Flott und schnörkellos erzählt das Buch von der Protagonistin, die im Viertel Vesterbro in ärmlichen Verhältnissen in der Zwischenkriegszeit aufwächst, von ihrer lieblosen Mutter weg- und hin zu dem Wunsch getrieben wird, Autorin zu werden und selbst ein Kind zu bekommen, so Wennerscheid. Bewundernswert fand die Kritikerin vor allem die sprachliche Präzision, obgleich sich in die Übersetzung ihr zufolge ab und zu gewundene Formulierungen eingeschlichen haben, die das Original so nicht kennt.
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