Immer schon waren die Sprache der Moral und die Emotionen, die sie zu wecken vermag, ein Mittel der Politik. Gegenwärtig greifen Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Gesellschaft jedoch in einem für die Demokratie bedenklichen Ausmaß um sich - auch in den Kirchen.
Wie es die Aufgabe der Ethik ist, vor zu viel Moral zu warnen, so ist es die Aufgabe der Theologie, die Unterscheidung zwischen Religion und Moral bewusst zu machen - in der Sprache der reformatorischen Tradition: die Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium. Sie ist das Herzstück theologischer Vernunft und fördert die politische Vernunft. Nur wenn beide in ein konstruktives Verhältnis gesetzt werden, lässt sich der Tyrannei des moralischen Imperativs in Politik und Kirche Einhalt gebieten.
Der moralische Imperativ hat Hochkonjunktur. "Empört euch!", "Entrüstet euch!", "Entängstigt euch!" ... Sich aus hochmoralischen Gründen empören oder entrüsten zu dürfen, verschafft ein gutes Gefühl, enthält doch der moralische Imperativ die frohe Botschaft: Wir sind die Guten! Wer dagegen wie Max Weber für die Unterscheidung - nicht Trennung! - von Politik und Moral plädiert und Politik als nüchternes Handwerk, als beharrliches Bohren dicker Bretter versteht, hat in der moralisch aufgeladenen Gegenwartsstimmung einen schweren Stand.
Ulrich H. J. Körtner plädiert ganz entschieden dafür, theologische und politische Vernunft wieder in ein konstruktives Verhältnis zu setzen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2017
Raphaela Schmid gefällt, dass der Theologe Ulrich H. J. Körtner seine Kritik an der religiös-moralischen Überhöhung der Politik gegen das gesamte politische Spektrum richtet. Überzeugend findet sie den Autor als Diagnostiker einer unguten auf Emotionen und Moralurteile bauenden unreflektierten Vermischung von Politik und Theologie, wo es laut Autor gilt, Vernunft walten zu lassen. Schmid liest das Buch als auf Hegel, Habermas, Luhmann u.a. gestütztes Plädoyer für eine Verantwortungsethik und gegen einen postfaktischen politischen Stil. Körtners Rat, die Kirchen sollten sich auf den Kern der christlichen Botschaft besinnen, die Politik aber auf die diskursive Vernunft und das nüchterne Handwerk, kann Schmid nachvollziehen.
Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…