Aus dem Lettischen von Matthias Knoll. Die Kindheit der 1922 geborenen Autorin war eine ganz und gar kosmopolitische. Die eine Großmutter sprach Deutsch, die andere Russisch, und ständig pendelte die lettisch-jüdische Familie zwischen Riga, Paris und Berlin, wo man nahe dem Ku'damm in einer Pension wohnte, in der Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller aus ganz Europa sich die Klinke in die Hand gaben und Neuigkeiten tauschten. Valentina Freimane erzählt über diese Zeit aus der unbeschwerten Perspektive des heranwachsenden Mädchens und lässt ein Zeitgemälde entstehen, aber zugleich weiß die Autorin natürlich, dass sich wenige Jahre später alle Lebensumstände komplett änderten. Die Familie muss nach Riga zurück und erlebt die Okkupation des Baltikums durch die Sowjetunion, 1941 den Einmarsch der Deutschen, dann gegen Kriegsende wieder die Rückkehr der Sowjets.
Klaus Hillenbrand empfiehlt die Lebensgeschichte der lettischen Jüdin Valentina Freimane als Zeugnis einer untergegangenen Welt. Wie die Autorin in den 1930er Jahren in Riga, Paris und Berlin aufwuchs, erfährt der Rezensent aus der Kinderperspektive. Der wachsende Antisemitismus in Berlin, die Okkupation Rigas durch die Rote Armee und die Vertreibung aus den stabilen Verhältnissen einer behüteten Kindheit beschreibt die Autorin laut Hillenbrand eindringlich und bedrückend genau. Dem Leser eröffnet sie damit die Chance, die Verfolgung und Ermordung der lettischen Juden aus einer anderen Perspektive als derjenigen der Fachliteratur zu sehen. Schade findet der Rezensent, dass die Autorin ihre Autobiografie mit dem Einmarsch der Russen enden lässt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.05.2015
Judith Leister zeigt sich berührt von der Lebensgeschichte der Großbürgerstochter Valentina Freimane, die in den 1920ern und 30ern in Riga, Paris und Berlin aufwuchs und vor den Nazis fliehen musste. Das Buch, in Lettland ein Bestseller, wie Leister anmerkt, begreift die Autorin als wehmütige Erinnerung an ihre Familie und Danksagung an ihre Beschützer in Zeiten des Terrors, erklärt die Rezensentin. Wie Freimane ihre Geschichte aufschreibt, warmherzig und mit großem Gerechtigkeitssinn gegen Helfer aller Couleur, findet Leister bemerkenswert. Schade nur, meint sie, dass das Buch das Leben in der Nachkriegs-Sowjetunion ausspart.
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